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Herausforderungen der Barrierefreiheits-Community


In diesem Beitrag widmen wir uns der Barrierefreiheits-Community und den Herausforderungen, die innerhalb dieser Community bestehen. Es handelt sich dabei um einen eher fachlich geprägten, teilweise „nerdigen“ Beitrag. Wenn Sie sich weniger für die internen Strukturen und Dynamiken der Community interessieren oder nicht tief in diesem Themenfeld verankert sind, können Sie diesen Beitrag auch überspringen.

Zusammenfassung – TLDR

1. Barrierefreiheits-Community

– Die Community besteht aus Menschen, die regelmäßig an Barrierefreiheit arbeiten und Inhalte beitragen.
– Ein kleiner, prominenter Kern dominiert Diskussionen und Entscheidungen; weitere Schichten tragen still bei oder sind nur am Rand aktiv.
– Kritik an Machtstrukturen und Kommunikation innerhalb der Community ist notwendig, um Inklusivität zu verbessern.

2. Paternalismus und fehlende Repräsentation

– Menschen ohne Behinderung bestimmen häufig, was digitale Barrierefreiheit ist.
– Menschen mit Behinderungen werden strukturell an den Rand gedrängt, sowohl in Organisationen (z. B. BITV, IAAP) als auch auf Konferenzen.
– Offizielle Einbindung bleibt oft rhetorisch; echte Mitsprache fehlt.

3. Fokus auf Compliance statt Nutzererfahrung

– Viele Organisationen konzentrieren sich auf die Erfüllung von Standards wie WCAG oder EN 301 549.
– Konformität wird überbewertet; tatsächliche Nutzungserfahrungen für Menschen mit Behinderungen bleiben oft unzureichend.
– Komplexe Websites erschweren die Umsetzung der Standards, viel Aufwand entsteht für geringe praktische Verbesserung.

4. Accessibility Overlays

– Overlay-Lösungen dominieren kommunikativ und marketingtechnisch.
– Expert:innenkritik erreicht Betreiber kaum; es fehlen Organisationen, die gezielt auf die Probleme hinweisen.
– Aktion Mensch hat sich als einflussreiche Instanz aus diesem Feld weitgehend zurückgezogen.

5. Ausschluss durch Komplexität

– Standards, Regelwerke und Fachsprache sind hochkomplex; Neueinsteiger werden abgeschreckt.
– Fachliche und sprachliche Hürden (inklusive Aggressionen in der Community) verhindern breitere Beteiligung.
– Soziale Medien verstärken negative, aggressive Diskurse, wodurch Außenstehende eher abgeschreckt als motiviert werden.

6. Sprachliche Konventionen

– Strikte sprachliche Regeln im Diskurs (z. B. bestimmte Terminologie) führen zu zusätzlichem Ausschluss.
– Menschen ohne akademischen Hintergrund, mit Migrationsgeschichte oder weniger Erfahrung werden kritisiert, nicht für Inhalte, sondern für Formulierungen.

7. Unterrepräsentation kognitiv beeinträchtigter Menschen

– Aspekte der Informationsverarbeitung und Neurodiversität werden in bestehenden Standards kaum berücksichtigt.
– Empfehlungen existieren, sind aber nicht verbindlich; Umsetzung bleibt freiwillig und wird selten erzwungen.
– Eine stärkere Integration in WCAG 3.0 wäre dringend nötig, liegt aber noch in weiter Ferne.

Die digitale Barrierefreiheit leidet unter strukturellen und kommunikativen Problemen: Machtungleichheiten, zu starker Fokus auf Compliance, komplexe Standards, exklusive Fachsprache und unzureichende Berücksichtigung kognitiver und neurodiverser Bedürfnisse verhindern breite Teilhabe. Lösungen erfordern sowohl eine Reform der Standards als auch neue Strategien, um Beteiligung, Nutzererfahrung und inklusiven Diskurs zu stärken.

Kritik ist sinnvoll

Die Barrierefreiheits-Community hat in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten zweifellos Anerkennenswertes geleistet. Exemplarisch sei hier die Arbeit der BCAG genannt sowie der zahlreiche Beitrag von Personen, die dort überwiegend ehrenamtlich tätig waren und umfangreiche Inhalte und Dokumente erarbeitet haben. Diese Materialien sind inhaltlich anspruchsvoll, sehr umfangreich und erfordern intensive Abstimmungsprozesse. Es handelt sich ausdrücklich nicht um Arbeiten, die in kurzer Zeit entstehen. Dafür gebührt der Community Respekt und Anerkennung, die auch entsprechend zum Ausdruck gebracht werden sollte.
Anerkennung schließt jedoch Kritik nicht aus. Im Gegenteil: Eine sachliche, respektvolle Kritik kann dazu beitragen, die Community weiterzuentwickeln und zu verbessern. In dieser Folge soll es daher insbesondere um bestehende Machtstrukturen, häufig angewandte Methoden sowie um Kommunikationsformen gehen, bei denen aus meiner Sicht Verbesserungsbedarf besteht.
Zunächst ist es sinnvoll, den Begriff der Barrierefreiheits-Community einzugrenzen. Wie bei den meisten Communities handelt es sich auch hier nicht um eine klar definierte oder scharf abgegrenzte Gruppe. Eine eindeutige Zuordnung nach dem Prinzip „gehört dazu“ oder „gehört nicht dazu“ ist kaum möglich. Meines Erachtens zählen jedoch all jene Personen zur Community, die regelmäßig und kontinuierlich im Bereich Barrierefreiheit arbeiten oder aktiv Beiträge zu diesem Themenfeld leisten.
Personen, für die Barrierefreiheit lediglich ein untergeordneter Aspekt ihrer Tätigkeit ist – etwa Online-Redakteurinnen oder Entwicklerinnen, die Barrierefreiheit nur gelegentlich berücksichtigen – würde ich eher nicht zur Kern-Community zählen. Diese Personen würden sich in der Regel auch selbst nicht als Teil der Barrierefreiheits-Community verstehen. Zur Community im engeren Sinne gehören vielmehr Menschen, die dauerhaft und häufig auch hauptberuflich an diesem Thema arbeiten, Fachbeiträge verfassen, Diskussionen führen und die inhaltliche Weiterentwicklung der Barrierefreiheit aktiv mitgestalten.
Wie in vielen Fachcommunities lässt sich auch hier ein relativ kleiner, aber einflussreicher Kern von prominenten Akteurinnen beobachten. Diese Personen prägen einen großen Teil der öffentlichen Diskussion und haben einen entsprechend hohen Einfluss auf Inhalte, Standards und Meinungsbildung innerhalb der Community.
Um diesen harten Kern herum existieren weitere Ebenen, in denen die Beteiligung und Sichtbarkeit sukzessive abnimmt. In diesen Schichten finden sich Personen, die eher im Hintergrund wirken, stille Beiträge leisten oder schlicht weniger öffentlich in Erscheinung treten, ihre fachliche Arbeit jedoch dennoch kontinuierlich und zuverlässig ausüben. Darüber hinaus gibt es Personen, die sich nicht hauptberuflich, sondern nur ergänzend mit dem Thema Barrierefreiheit befassen. Diese Akteurinnen und Akteure sind dem äußeren Kreis der Community zuzuordnen und nehmen häufig vor allem als Teilnehmende an Veranstaltungen wie der ID24 oder der ExCon teil.

Mangelnde Repräsentation

Vor diesem Hintergrund möchte ich nun auf zentrale Problemfelder eingehen. Ein besonders gravierendes Thema ist aus meiner Sicht der Paternalismus sowie die mangelnde Repräsentation von Menschen mit Behinderungen. Dieses Thema beschäftigt mich bereits seit längerer Zeit, da ich hier erhebliche strukturelle Herausforderungen erkenne.
Konkret geht es darum, dass nach wie vor überwiegend Menschen ohne Behinderung darüber diskutieren und entscheiden, was digitale Barrierefreiheit ist und wie sie definiert, geprüft und bewertet wird. Dies betrifft zahlreiche einflussreiche Organisationen, etwa die DIAS GmbH mit ihrem BITV-Test, die IAAP mit ihren Zertifizierungsprogrammen sowie viele weitere Institutionen. In all diesen Kontexten zeigt sich ein wiederkehrendes Muster: Menschen mit Behinderungen werden systematisch an den Rand gedrängt, während nichtbehinderte Personen den Diskurs dominieren und die maßgeblichen Entscheidungen treffen.
Besonders gut lässt sich dieses Problem in der deutschen Community beobachten. Betrachtet man beispielsweise die Programmlinien und Speaker-Listen bestimmter Fachveranstaltungen wie der Rheinwerk-Konferenz zur Barrierefreiheit, wird deutlich, dass Menschen mit Behinderungen dort keineswegs in zentralen oder führenden Rollen vertreten sind. Ein ähnliches Bild zeigt sich bei der Weiterentwicklung und Anwendung der BITV-Tests: Auch hier stellen Menschen mit Behinderungen lediglich eine Minderheit dar.
Zwar wird von den verantwortlichen Akteurinnen häufig betont, dass Menschen mit Behinderungen eingebunden würden, doch bleibt diese Einbindung in vielen Fällen auf einer rhetorischen Ebene. Eine tatsächlich erkennbare, strukturelle und dauerhaft verankerte Beteiligung ist kaum festzustellen. Aus meiner Perspektive liegt der Verdacht nahe, dass diese Situation zumindest teilweise bewusst in Kauf genommen wird. Es entsteht der Eindruck, dass bestehende Machtpositionen gesichert und der eigene Einfluss gewahrt werden sollen, ohne ernsthaftes Interesse an kritischen Stimmen oder substantieller Mitwirkung betroffener Personen.
Die internationale Situation kann ich weniger fundiert beurteilen, da mir dort der persönliche Einblick in die Community fehlt. Zwar sind viele Namen bekannt, doch ist in der Regel nicht ersichtlich, ob eine Person selbst eine Behinderung hat oder nicht – und selbstverständlich ist dies eine private Angelegenheit, die niemand öffentlich machen muss. Für den deutschsprachigen Raum hingegen kann ich diese Einschätzung mit Nachdruck vertreten. Die beschriebenen Probleme sind nicht auf Deutschland beschränkt, sondern zeigen sich in ähnlicher Form auch in der Schweiz und in Österreich.

Compliance statt Nutzerinnen-Zentrierung

Ein zweites Thema, das ich ebenfalls wiederholt angesprochen habe, ist der starke Fokus auf Compliance anstelle der tatsächlichen Nutzungserfahrung. Was ist damit konkret gemeint?
Compliance bezeichnet in diesem Kontext die formale Erfüllung von Barrierefreiheitsstandards wie den WCAG oder der EN 301 549. Grundsätzlich ist dieser Ansatz sinnvoll und notwendig, da diese Standards in vielen Ländern rechtlich verbindlich sind. Insofern besteht hier keine Wahlfreiheit: Konformität ist verpflichtend.
Problematisch wird dieser Ansatz jedoch dort, wo er nicht über die bloße Einhaltung der Standards hinausgeht. In der Praxis begegnen uns häufig Situationen, in denen eine Anwendung oder Website formal als „konform“ gilt, die tatsächliche Nutzungserfahrung für Menschen mit Behinderungen jedoch unzureichend oder sogar frustrierend ist. Ein Beispiel hierfür sind blinde Nutzerinnen und Nutzer, die sich mit der Tastatur durch zahlreiche, wenig relevante Fokusstationen navigieren müssen, um überhaupt zu einer zentralen Funktion zu gelangen. Auch übermäßig komplexe oder umständliche Beschreibungen können die Bedienbarkeit erheblich beeinträchtigen. Ähnliches gilt für neurodiverse Personen, für die eine Oberfläche zwar formal zugänglich, kognitiv jedoch stark herausfordernd sein kann.
Dabei handelt es sich um reale Probleme, die unmittelbar aus der Nutzungsperspektive der betroffenen Personen entstehen. Diese Aspekte werden jedoch nur unzureichend in den bestehenden Standards abgebildet oder finden in der praktischen Umsetzung kaum Berücksichtigung. In Kundengesprächen ist es entsprechend schwierig, diesen Unterschied zwischen formaler Konformität und tatsächlicher Gebrauchstauglichkeit überzeugend zu vermitteln. Ich versuche in solchen Situationen, diese Perspektive zumindest indirekt einzubringen oder mit sachlichen Argumenten für nutzerzentrierte Verbesserungen zu werben. Gleichzeitig zeigt sich hier ein strukturelles Dilemma: Über Jahre hinweg wurde – auch von uns selbst – stark für Konformität argumentiert. Entsprechend schwer fällt es nun, Auftraggeber davon zu überzeugen, über die Mindestanforderungen hinauszugehen.
Hinzu kommt ein grundlegendes Problem des WCAG-Konformitätsmodells selbst. Das Modell ist in seiner Logik nur bedingt realitätsnah. Die Vorstellung, eine Website könne „zu 100 Prozent WCAG-konform“ sein, ist in der Praxis kaum haltbar. Dennoch wird genau dies eingefordert, da Organisationen eine der Konformitätsstufen A, AA oder AAA erreichen müssen. In den meisten Ländern gilt die Stufe AA als verbindlicher Standard. Wird diese nicht erfüllt, drohen rechtliche Konsequenzen.
Sobald eine Website jedoch eine gewisse funktionale oder technische Komplexität erreicht – was auf die meisten professionellen Webangebote zutrifft –, wird die vollständige Erfüllung der Anforderungen äußerst anspruchsvoll. Während sich einfache, statische HTML-Seiten relativ problemlos konform umsetzen lassen, geraten komplexere Anwendungen schnell an Grenzen. In der Folge bindet das Streben nach vollständiger Konformität erhebliche Ressourcen. Viel Zeit wird darauf verwendet, Detailprobleme zu beheben, die für die tatsächlichen Nutzerinnen und Nutzer nur einen geringen oder gar keinen Mehrwert haben, während gleichzeitig substanzielle Verbesserungen der Nutzungserfahrung in den Hintergrund treten.
Genau hierin liegt aus meiner Sicht eine zentrale Schwäche des derzeitigen Konformitätsmodells.
Leider ist absehbar, dass sich an dieser Situation kurzfristig wenig ändern wird. Solange wir mit den WCAG in der Version 2.x arbeiten, wird das bestehende Konformitätsmodell in seiner jetzigen Form fortbestehen. Dieser Zustand wird uns voraussichtlich noch über einen längeren Zeitraum begleiten. Entsprechend ist derzeit keine grundlegende Lösung in Sicht.
Das Kernproblem besteht darin, dass wir als Barrierefreiheitsexpertinnen und -experten auf Konformität bestehen müssen, da sie rechtlich und regulatorisch in hohem Maße eingefordert wird. Gleichzeitig dürfte jedem, der sich intensiver mit dem Thema auseinandersetzt, klar sein, dass die Bedeutung von Konformität häufig überhöht und überschätzt wird. Sie wird vielfach als Selbstzweck behandelt, obwohl sie nur ein Mittel sein sollte, um tatsächliche Zugänglichkeit und gute Nutzungserfahrungen zu ermöglichen.

Schlechte Kommunikation zu Overlays

Ein weiteres heikles Thema sind sogenannte Accessibility Overlays. Darauf möchte ich an dieser Stelle nur kurz eingehen, da dieses Thema bereits vielfach diskutiert wurde. Das zentrale Problem ist, dass unsere Argumentation und unsere Kommunikation gegen Overlays in der Praxis kaum Wirkung entfalten. Anbieter von Overlays sind uns in der öffentlichen Kommunikation sowie im Marketing deutlich überlegen. Sie sprechen gezielt die Bedürfnisse und Ängste von Websitebetreibenden an und versprechen einfache, schnelle Lösungen.
Vor diesem Hintergrund wären neue Strategien erforderlich. Es reicht nicht aus, ausschließlich innerhalb der Barrierefreiheits-Community zu argumentieren oder Fachpersonen zu überzeugen. Vielmehr müsste gezielt auf Betreiberinnen von Websites zugegangen werden, die solche Overlays einsetzen oder deren Einsatz erwägen. Diese Zielgruppe müsste sachlich, verständlich und niedrigschwellig über die tatsächlichen Probleme und Risiken von Overlays aufgeklärt werden.
Dafür bräuchte es aus meiner Sicht eine unabhängige Organisation, etwa einen Verein oder eine Stiftung, die sich dieser Aufgabe systematisch annimmt. Eine solche Organisation könnte öffentlichkeitswirksame Kampagnen durchführen, sich klar gegen den Einsatz von Overlays positionieren und zugleich den direkten Dialog mit Websitebetreibenden suchen, um über Alternativen und nachhaltige Lösungen zu informieren.
Die Aktion Mensch scheidet hierfür aus bekannten Gründen aus, da sie selbst einen Anbieter von Accessibility Overlays unterstützt. Damit hat sie sich faktisch aus dieser Debatte zurückgezogen. Bereits zuvor hatte sich ihr inhaltlicher Einfluss im Bereich digitaler Barrierefreiheit deutlich reduziert: Die Plattform „Einfach für alle“ wurde vor einigen Jahren eingestellt, und der Biene-Award für barrierefreie Websites existiert bereits seit rund 15 Jahren nicht mehr. In der Konsequenz hat sich die Aktion Mensch aus diesem Themenfeld weitgehend selbst aus dem Spiel genommen und leistet hier aktuell keinen relevanten inhaltlichen Beitrag mehr außer zur eigenen PR.

Auschluss durch Komplexität

Ein weiteres aus meiner Sicht sehr relevantes Thema ist der Ausschluss durch Komplexität. Gemeint ist damit insbesondere die Vielzahl an Regelwerken und Standards – allen voran die WCAG sowie die zahlreichen nationalen, europäischen und internationalen Richtlinien, die miteinander verwoben sind. Bereits seit Längerem stelle ich mir hierzu grundlegende Fragen.
Diese Komplexität wirkt faktisch abschreckend und schließt insbesondere Neueinsteigerinnen und Neueinsteiger weitgehend vom Thema aus. Viele Menschen sind nicht bereit oder nicht in der Lage, sich tiefgehend in die verschiedenen Standards, ihre Geltungsbereiche und ihr Zusammenspiel einzuarbeiten. Ob EN-Normen, WCAG, nationale Regelungen oder internationale Vorgaben wie Section 508 – das Gesamtsystem ist hochgradig komplex, schwer zugänglich und in weiten Teilen auch sprachlich wenig einladend. Auch die einzelnen Regelwerke für sich genommen sind anspruchsvoll und erfordern einen erheblichen Einarbeitungsaufwand.
Diese Situation ist für ausgewiesene Expertinnen und Experten durchaus komfortabel, da sie zu einer Art Sonderstatus führt. Wer die Regeln kennt und sie korrekt interpretieren kann, wird unverzichtbar. Für alle anderen entsteht zwangsläufig eine Abhängigkeit von diesen Fachpersonen. Das mag kurzfristig Vorteile für die bestehende Expertenschaft bringen, widerspricht jedoch dem eigentlichen Ziel der Barrierefreiheit. Ziel sollte es sein, möglichst viele Menschen für das Thema zu gewinnen, Kompetenzen breit aufzubauen und Barrierefreiheit als selbstverständlichen Bestandteil digitaler Arbeit zu etablieren.
Vor diesem Hintergrund erstaunt es mich eher, dass dennoch Menschen in dieses Themenfeld einsteigen. Viele von ihnen vereinfachen den Einstieg aus nachvollziehbaren Gründen und konzentrieren sich zunächst auf konkrete Anforderungen und praktische Umsetzungen, ohne sich intensiv mit den rechtlichen Feinheiten oder den komplexen Zusammenhängen zwischen nationalen, europäischen und internationalen Regelungen zu befassen. Diese Zurückhaltung ist rational, denn das Regelwerk ist für die meisten schlicht zu komplex.
Gleichzeitig verhindert genau dieses System, dass sich neue Personen dauerhaft und vertieft mit Barrierefreiheit beschäftigen. Verstärkt wird dieser Effekt durch die häufig sehr komplexe Fachsprache, die in vielen Beiträgen verwendet wird, sowie durch einen teilweise klagenden oder moralisierenden Unterton. Nach meiner Erfahrung ist die Tonalität in Teilen der öffentlichen Debatte nicht nur negativ, sondern mitunter auch aggressiv – selbstverständlich nicht durchgehend, aber doch deutlich wahrnehmbar.
Insbesondere in sozialen Medien werden solche Beiträge überproportional sichtbar. Inhalte, die sich stark beschweren, Empörung ausdrücken oder Menschen in einer Opferrolle darstellen, erzeugen mehr Aufmerksamkeit und werden häufiger geteilt als sachliche, neutrale oder konstruktive Beiträge. Das kann innerhalb der bestehenden Community Empathie erzeugen, vor allem bei Personen, die ohnehin von der Bedeutung der Barrierefreiheit überzeugt sind.
Für Menschen außerhalb dieser Community oder für diejenigen, die sich bisher nur am Rande mit dem Thema befasst haben, wirkt diese Form der Kommunikation jedoch eher abschreckend. Zwar ist häufig ein grundsätzliches Verständnis oder Mitgefühl vorhanden, doch entsteht daraus selten die Motivation, sich intensiver, dauerhaft und aktiv mit dem Thema Barrierefreiheit auseinanderzusetzen.
Zu diesem Themenkomplex der Ausschlussmechanismen durch Komplexität zählen auch die sprachlichen Konventionen im Behinderten- und Barrierefreiheitsdiskurs. Ob man hier tatsächlich von „Regeln“ sprechen kann, ist fraglich; der treffendere Begriff ist vermutlich „Konventionen“. Es handelt sich um sprachliche Übereinkünfte, die sich über viele Jahre hinweg entwickelt haben, innerhalb der Community als sinnvoll gelten und sich zugleich kontinuierlich verändern.
Für Außenstehende sind diese Konventionen jedoch kaum nachvollziehbar. Es handelt sich um eine hochgradig spezialisierte Sprache mit klaren Vorstellungen darüber, welche Begriffe verwendet werden sollen und welche als unzulässig gelten. Selbst aus meiner Perspektive – nach langjähriger Beschäftigung mit dem Thema – ist ein großer Teil dieser sprachlichen Vorgaben nur schwer nachzuvollziehen. Häufig fehlt eine transparente oder rationale Begründung. Stattdessen handelt es sich um Setzungen: Irgendwann wurde festgelegt, dass etwas auf eine bestimmte Weise gesagt werden muss – und nicht anders.
Wer diese Konventionen nicht einhält, wird nicht selten unabhängig vom inhaltlichen Beitrag ausgeschlossen. Die Qualität oder Relevanz der Aussage tritt in den Hintergrund, wenn die Wortwahl nicht den etablierten Erwartungen entspricht. Besonders betroffen sind hiervon Menschen ohne akademischen Hintergrund, Personen mit Migrationsgeschichte oder Menschen, die sich schlicht in einer anderen, weniger formalisierten Sprache ausdrücken. Sie formulieren ihre Gedanken nach bestem Wissen und Gewissen und sehen sich dennoch häufig mit scharfer Kritik oder persönlichen Angriffen konfrontiert.
Für Personen, die mit diesen sprachlichen Konventionen nicht vertraut sind, wirken solche Reaktionen vollkommen unverhältnismäßig. Sie äußern einen Standpunkt und werden nicht für diesen Standpunkt kritisiert – was legitim wäre –, sondern für ihre Wortwahl. Dass dies nicht im Sinne einer inklusiven und offenen Auseinandersetzung sein kann, liegt aus meiner Sicht auf der Hand.
Dabei ist festzuhalten, dass es sich vermutlich um eine vergleichsweise kleine Gruppe handelt, die diese sprachlichen Konventionen besonders strikt einfordert. Diese wenigen Akteurinnen und Akteure treten jedoch häufig sehr lautstark, aktiv und teilweise auch aggressiv auf, wenn ihre Erwartungen nicht erfüllt werden. Dadurch entsteht ein Klima, das für viele abschreckend wirkt.
Ich selbst habe entsprechende Erfahrungen ebenfalls gemacht und kann damit persönlich umgehen. Für viele andere Menschen ist dies jedoch ein klarer Abbruchpunkt. Nicht selten ziehen sie sich vollständig zurück und überlassen das Feld mit dem resignierten Fazit, dass man dieses Thema dann eben anderen überlassen solle.

Kognitive Behinderung als Leerstelle

Ein weiteres, meines Erachtens zentrales Problem ist jedoch der systematische Ausschluss eines großen Teils der behinderten Menschen, nämlich der Gruppe der kognitiv beeinträchtigten Personen. „Kognitiv beeinträchtigt“ lässt sich nicht eindeutig definieren, umfasst aber im Wesentlichen die Verarbeitung und Rezeption von Informationen. Dazu zählen die Fähigkeit, Inhalte aufzunehmen, zu speichern und zu kombinieren, sowie Aspekte der Neurodiversität, also Unterschiede in Wahrnehmung, Reaktion auf visuelle Stimuli, Animationen, Bewegung oder bestimmte Farbkombinationen.
Dieses Themenfeld ist im Bereich der digitalen Barrierefreiheit bislang noch unterbeleuchtet. Zwar gibt es innerhalb der B3C-Arbeitsgruppen Empfehlungen für kognitiv beeinträchtigte Nutzerinnen und Nutzer sowie zu neurodiversen Anforderungen, doch solange diese lediglich als Empfehlungen existieren und nicht in verbindliche Standards überführt werden, werden sie in der Praxis kaum umgesetzt. Das Problem liegt nicht an fehlender Forschung oder mangelndem Bewusstsein – die Thematik ist erkannt –, sondern daran, dass die digitale Barrierefreiheit nach wie vor stark auf die Einhaltung bestehender Konformitätsregeln fokussiert ist. Solange Wahrnehmung und kognitive Anforderungen nicht in diesen verbindlichen Regeln enthalten sind, fehlt es an einem Instrument, um deren Umsetzung gegenüber Auftraggebern durchzusetzen. Empfehlungen können nur bedingt „eingeschmuggelt“ werden, aber die Möglichkeiten sind begrenzt.
Aus meiner Sicht wäre eine Renovierung der Regeln, wie sie mit WCAG 3.0 angedacht ist, dringend notwendig, um die Belange kognitiv beeinträchtigter Menschen und neurodiverser Nutzerinnen und Nutzer stärker zu berücksichtigen. Leider liegt diese Revision noch in weiter Ferne – falls sie überhaupt kommt. Bis dahin bleibt die Herausforderung, das Thema innerhalb der bestehenden Standards stärker zu berücksichtigen, auch wenn es dafür keine einfache Lösung gibt.