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Wie Künstliche Intelligenz Barrierefreiheits-Expertise verändert


Heute beschäftigen wir uns mit der Frage, wie künstliche Intelligenz (KI) die Rolle von Barrierefreiheits-Expertinnen verändern wird.

KI als Werkzeug für Routineaufgaben

Die Leistungsfähigkeit von KI nimmt rasant zu, besonders in den Bereichen Design und Programmierung. In wenigen Jahren wird die KI viele Aufgaben übernehmen, die wir heute noch manuell erledigen. Dazu gehören vor allem:
– Das Testen von Komponenten und Anwendungen.
– Das Erstellen von Optimierungsvorschlägen.
– Das Nachtesten behobener Fehler.

Diese klassischen Aufgaben lassen sich gut durch Mustererkennung und statistische Verfahren lösen. KI wird künftig direkt in Tools wie Figma oder in den Developer-Tools dabei unterstützen, barrierefreien Code zu erzeugen bzw. Barrierefreiheit sicherzustellen.

Um das klar einzuordnen: Aktuell sind wir noch nicht so weit. Viele Anbieter von sogenannten „Barrierefreiheits-Overlays“ versprechen zwar magische Lösungen durch KI, doch bei genauerem Hinsehen bleibt davon oft nur Marketing übrig. In professionellen Tools wie der Accessibility Cloud oder dem PDF Accessibility Checker gibt es bereits hilfreiche KI-Funktionen, aber sie ersetzen die menschliche Arbeit noch lange nicht. Solange die Werkzeuge auf dem heutigen Stand sind, muss sich niemand um seinen Arbeitsplatz sorgen. Es ist zudem fraglich, ob eine KI jemals eine komplexe Anwendung völlig ohne menschliche Hilfe komplett barrierefrei erstellen kann.

Dennoch ist auch klar: Wir wissen nicht, wie gut die Tools in 1 – 2 Jahren sein werden. Ein qualitativer Sprung ist durchaus denkbar und sogar wahrscheinlich.

Der Wandel: Vom Tester zum Berater

Das Berufsbild wird sich deutlich verschieben: weg vom reinen Testen, hin zur strategischen Beratung. Experten werden künftig dort gebraucht, wo die KI an ihre Grenzen stößt:

1. Entscheidung in Sonderfällen (Edge Cases): KI kann oft keine klaren Urteile fällen. Hier braucht es Erfahrungswissen, um die Auswirkungen auf assistive Technologien (wie Screenreader) einzuschätzen.
2. Kontextanalyse: Eine einzelne Komponente barrierefrei zu machen, ist für eine KI machbar. Die Herausforderung liegt jedoch im Zusammenspiel aller Elemente. Ein Experte muss sicherstellen, dass der Fokus richtig springt und Fehlermeldungen sinnvoll ausgegeben werden.
3. Governance und Strategie: In großen Unternehmen geht es nicht nur um eine einzelne App, sondern um ganze Softwarelandschaften. Es müssen Richtlinien erstellt werden, damit alle Programme „aus einem Guss“ sind. Barrierefreiheit muss fest in die Prozesse und Frameworks integriert werden.

Neue Anforderungen an Experten

Dieser Wandel macht das Berufsfeld komplexer und spannender. Neben dem Fachwissen zur Barrierefreiheit werden neue Kompetenzen immer wichtiger:
– Kommunikation und Präsentation: Experten müssen Anforderungen verständlich erklären.
– Empathie und Überzeugungskraft: Man muss Stakeholder aus Rechtsabteilung, Design und Management mitnehmen und für das Thema gewinnen.
– Vernetztes Denken: Die Zusammenarbeit mit UX-Designern, Entwicklern und der Compliance-Abteilung steht im Mittelpunkt.

Zusammenfassend lässt sich sagen: Die KI nimmt uns die Routine ab, aber die strategische Steuerung und die finale Verantwortung bleiben menschliche Aufgaben.

Qualitätssicherung bei KI-generierten Inhalten

Ein zentrales Problem der heutigen KI ist ihre Arbeitsweise: Sie basiert auf Wahrscheinlichkeiten. Das führt dazu, dass Ergebnisse nicht konstant stabil bleiben. Es kann passieren, dass die erste Version eines Codes barrierefrei ist, die zweite aber durch kleine Änderungen wieder Barrieren enthält. Inkrementelle Verschlechterung ist ein bekanntes Phänomen heutiger KI-Tools.

Barrierefreiheits-Expertinen müssen daher sicherstellen, dass die KI-Tools selbst zuverlässig arbeiten. Es reicht nicht, eine Lizenz zu kaufen und auf „magische“ Ergebnisse zu hoffen. Damit eine KI beispielsweise das Corporate Design oder Barrierefreiheitsstandards einhält, benötigt sie eine solide Datenbasis – oft als Knowledge Base oder Teil des RAG-Verfahrens (Retrieval Augmented Generation) bezeichnet. Diese Wissensdatenbank enthält die spezifischen Anweisungen und Komponentenbibliotheken, die die KI zwingend berücksichtigen muss.

In Zukunft müssen sich Expertinnen daher intensiv mit Prompting-Technologien beschäftigen. Sie steuern die KI durch präzise Anweisungen und korrigieren die Wissensbasis kontinuierlich. Statt alles manuell zu prüfen, verlagert sich die Arbeit auf die Analyse des KI-Outputs:
– Wo hat die KI Fehler gemacht?
– War der Prompt oder die Wissensdatenbank missverständlich?
– Widersprechen sich Anforderungen innerhalb der Datenbank?

Das Ziel ist es, die automatische Erzeugung von barrierefreiem Code so zu optimieren, dass der manuelle Korrekturaufwand sinkt.

User Experience statt Konformität

Wenn durch die KI Kapazitäten beim manuellen Testen frei werden, können wir uns endlich dem wichtigsten Thema widmen: der Usability.

Eine Anwendung kann formal barrierefrei sein, aber trotzdem unbrauchbar. Viele heutige Anwendungen sind schlicht zu komplex – egal ob für Menschen mit Behinderungen, Senioren oder weniger technikaffine Nutzer. Oft ist das, was wir heute produzieren, in der praktischen Anwendung leider mangelhaft.

Hier liegt die Zukunft:
1. Usability-Heuristiken: Wir müssen prüfen, ob die Nutzungserfahrung wirklich intuitiv ist.
2. Nutzertests: Wir müssen echte Tests mit Menschen mit Behinderungen und anderen vulnerablen Gruppen durchführen.
3. Zusammenarbeit mit UX-Research: Barrierefreiheits-Expertinnen sollten eng mit UX-Kolleginnen kooperieren, um Testmethoden inklusiv zu gestalten.

Indem wir uns weniger auf technische Einzelprüfungen und mehr auf die tatsächliche Benutzbarkeit konzentrieren, verbessern wir die Qualität digitaler Produkte entscheidend.

Langfristige Strategie statt kurzfristiger Projekte

Ein großes Thema der Zukunft hat gar nichts mit der Technik an sich zu tun: die Entwicklung von Barrierefreiheits-Policies. Das Hauptproblem unserer Zeit ist, dass wir bei der Barrierefreiheit immer wieder bei null anfangen. Oft wird eine Expertin nur für einen Relaunch dazugeholt. Sobald das Projekt abgeschlossen ist, endet die Betreuung. In den folgenden Jahren verschlechtert sich die Barrierefreiheit der Anwendung meist schleichend, bis zum nächsten Relaunch.

Angesichts der riesigen Mengen an Apps und Webseiten, die Unternehmen heute betreiben, ist dieser punktuelle Ansatz nicht mehr tragbar. Wir brauchen eine dauerhafte Governance. Barrierefreiheits-Expertinnen dürfen nicht mehr nur kurzfristige Projektbeteiligte sein. Sie müssen fest in die Organisationsstrukturen integriert werden – ob als Angestellte oder als strategische Berater. Präsenz: Allein dadurch, dass Experten dauerhaft „mit am Tisch sitzen“, erhält das Thema die nötige Aufmerksamkeit.
Barrierefreiheit muss Teil der Unternehmens-Governance werden. Das bedeutet, dass sie fest in allen Prozessen verankert ist, anstatt in „Silos“ stattzufinden. Ohne eine solche übergreifende Steuerung wird die Produktqualität auf lange Sicht eher sinken als steigen. Das sehen wir täglich an mangelhaften Anwendungen auf dem Markt.

Fazit

Die Rolle der Expertinnen wandelt sich radikal: Weg vom rein technischen Prüfer, hin zum strategischen Gestalter und Kommunikator. Wir nutzen KI als Werkzeug für die Routine, um den Kopf frei zu haben für die wirklich wichtigen Aufgaben: Usability, Governance und echte Inklusion.
Der Vorteil: Es werden unterschiedliche Fähigkeiten gefragt sein: Die eher technischen Fähigkeiten des KI-Promptings und QS und die eher kommunikativen und organisatorischen Fähigkeiten des Managements. Das heißt, dass Personen mit unterschiedlichen Fähigkeiten und Stärken eine gute Chance haben, gleichermaßen sinnvolle und wichtige Aufgaben zu erfüllen. Trotzdem ist es wichtig, sich schon jetzt auf solche Aufgaben vorzuberiten.