
In diesem Beitrag geht es um einen tiefgreifenden Wandel – den vielleicht größten Umbruch, den wir in der digitalen Barrierefreiheit bisher erlebt haben. Nein, ich spreche nicht von Künstlicher Intelligenz. Das Thema KI ist wichtig, wurde aber schon oft besprochen, und aktuell gibt es dazu wenig Neues. Es geht vielmehr um Software as a Service-Lösungen, die Barrierefreiheit disruptiv auf den Kopf stellen.
Vom service zur Software
Bisher war der Markt in drei Akteure unterteilt:
- Freelancer: Sie konzentrierten sich auf Consulting, Tests und Schulungen.
- Kleine Agenturen: Sie bauten meist Websites für kleinere Kommunen. Diese spezialisierten Teams sind oft klein (10 bis 20 Personen). Neben der Entwicklung übernahmen sie meist auch das Hosting und die Pflege des Content-Management-Systems (CMS).
- Große Anbieter: IT-Konzerne wie adesso oder die Pixelpark stemmten die Großprojekte, hosteten riesige Systeme und boten alles aus einer Hand.
Es waren vor allem Dienstleistungen, Software als Produkt spielte eine untergeordnete Rolle. Diese traditionelle Aufteilung verändert sich. Die Anforderungen an kommunale Websites steigen massiv. Früher reichten ein digitales Schaufenster, ein Kontaktformular und ein Social-Media-Feed. Heute sind Websites hochkomplexe Plattformen mit tiefen Anbindungen an die digitale Infrastruktur.
Diese technische Tiefe und die strengen rechtlichen Vorgaben erfordern Spezialwissen. Kleine Agenturen können das mit wenigen Designerinnen und Entwicklerinnen nicht mehr leisten. Kommunen suchen daher zunehmend die Sicherheit mittelgroßer oder großer Agenturen. Dort ist die Compliance gesichert und das Ausfallrisiko von Personal geringer.
Auch der Markt für kleinere Websites von Privatpersonen oder Kleinstunternehmen verändert sich drastisch. Individuell programmierte Seiten sterben aus. Das hat zwei Gründe:
- I-Generatoren: Heute lassen sich einfache Websites per Prompt erstellen und anpassen. Produzier mir eine Website für einen Handweker in Bonn. Das kann auch der Cousin übernehmen und bekommt ein brauchbares Ergbnis.
- Baukastensysteme (wie Wix): Kunden wollen sich nicht mit der Technik von WordPress oder Joomla beschäftigen. Sie suchen fertige Systeme, die sich leicht bedienen lassen. Baukästen bieten Sicherheit, automatische Updates, gute Designs und verlangen kein Hosting-Wissen. HTML und CSS sind für Laien ohnehin kein Thema mehr.
Was bedeutet das für Fachkräfte im Bereich Barrierefreiheit? Die technische Umsetzung – also Design, UX, Entwicklung und Rechtssicherheit – wandert zunehmend zu spezialisierten Großagenturen.
Expertinnen für Barrierefreiheit verlagern ihren Schwerpunkt deshalb immer stärker auf das Consulting. Sie beraten nicht mehr nur zur rein technischen Barrierefreiheit, sondern optimieren Prozesse in Organisationen. Das Ziel: Barrierefreiheit soll kein einmaliges Projekt sein, sondern dauerhaft im System verankert bleiben.
Kern-Problem sind an diser Stelle vor allem Dienstleister mit geringer Barrierefreiheits-Expertise und Akteure mit Dumping-Preisen. Der Wettbewerb ist deutlich härter geworden. Solange die Qualität vieler neuer Akteure so schlecht ist und es Überwachungsstellen gibt, die das irgendwann feststellen, mache ich mir mehr Sorgen um die Anbieter und deren behinderte Kunden als darum, dass uns die Arbeit ausgeht.
Der Kern des Umbruchs: Automatisierung und Monitoring
Der eigentliche Kern dieses Umbruchs liegt in der zunehmenden Automatisierung der Barrierefreiheit. Durch neue Gesetze wie das Barrierefreiheitsstärkungsgesetz (BFSG) und die Barrierefreie-Informationstechnik-Verordnung (BITV) sind immer mehr große Organisationen in der Pflicht. Dazu gehören Bundes- und Landesbehörden, Krankenkassen, große E-Commerce-Unternehmen und Banken.
Diese Akteure verwalten oft tausende oder zehntausende Webseiten. Es ist schlicht unmöglich, diese alle manuell barrierefrei zu machen und zu halten. Gleichzeitig haben sie relativ umfangreiche IT-Budgets.
An dieser Stelle kommen automatisierte Monitoring-Tools ins Spiel. Sie prüfen ganze Websites und PDFs fortlaufend auf Barrierefreiheit und fassen die Ergebnisse in einem Index zusammen. Werden Fehler behoben, steigt dieser Wert. Ein großer Vorteil: Viele dieser Tools lassen sich direkt an Ticket-Systeme wie Jira anbinden. Fehler landen so automatisch bei den zuständigen Entwicklern. Obwohl diese Tools schon lange existieren, etablieren sie sich erst jetzt in der Breite. Das hat vor allem zwei Gründe:
- Barrierefreiheit wird endlich als Compliance-Faktor gesehen, um den man sich nicht nur projektweise kümmert.
- Die Akquise finanzstarker Akteure nimmt massiv zu.
Diese Software-Lösungen etablieren sich in der EU gerade besonders bei finanzstarken Einrichtungen. Für Konzerne und Behörden ist es oft deutlich leichter, fünfstellige Monatsbudgets für Software-Lizenzen zu rechtfertigen als Budgets für externe Dienstleistungen.
Da der nordamerikanische Markt weitgehend gesättigt ist, entdecken große US-Produkthäuser Europa als „weißen Flecken“ auf der Landkarte. Viele Branchenriesen versuchen nun den Sprung über den Atlantik:
- Level Access: Bekannt unter anderem durch den Kauf des Overlay-Anbieters UserWay – vermutlich, um deren Monitoring-Technologie zu integrieren.
- deque: Der Marktführer im Bereich der automatisierten Prüfung. Fast jeder in der Branche kennt deren Open-Source-Engine axe-core, die in unzähligen Tools steckt.
- vielleicht auch weitere Anbieter wie etwa TPGI
Bisher ist der Markt für Barrierefreiheits-SaaS in Europa überschaubar. Es gibt etablierte Kräfte, aber wenig Konkurrenz:
- Siteimprove: Das dänische Unternehmen ist seit über zehn Jahren global aktiv. Mit einer breiten Suite für Qualitätssicherung, SEO und Datenschutz ist es im deutschen Markt fest verankert.
- Accessibility Cloud: Ein Anbieter aus Schweden (bekannt aus meinem Interview mit Oliver von Districo), der sich rein auf Barrierefreiheit konzentriert und eine sehr budgetfreundliche Monitoring-Lösung bietet.
- CAAT aus Deutschland, siehe auch mein Gespräch mit Stefan
Obwohl Deque und Level Access finanziell stark aufgestellt sind, wird der europäische Markt kein Selbstläufer. Sie stehen vor zwei großen Hürden:
- Sprache und Lokalisierung: Deutsche Behörden oder Konzerne kaufen keine rein englischen oder schlecht übersetzten Benutzeroberflächen. Die Tools müssen perfekt lokalisiert sein. Eine Anpassung an lokale Besonderheiten ist nicht trivial und lohnt sich eher bei den großen oder finanzkräftigen Staaten.
- DSGVO und Datenschutz: Auch wenn es um öffentlich zugängliche Websites geht, sind die europäischen Datenschutzgesetze streng. Zudem gibt es in der EU, besonders in Ländern wie Frankreich, tiefe Vorbehalte gegen US-amerikanische Software-Anbieter. Datenflüsse und Speicherorte müssen absolut rechtssicher sein.
An Kapital mangelt es den US-Riesen nicht. Um die Hürden zu nehmen, werden sie vermutlich eigene nationale Niederlassungen für Sales und Lokalisierung gründen und lokale Expertenteams aufbauen. Ein anderer Weg führt über Partnerschaften: Sie werden strategische Allianzen mit etablierten IT-Dienstleistern in den jeweiligen Ländern suchen, um den Markt zu verstehen und zu erobern. Da es in Europa bisher kaum vergleichbare Produkthäuser gibt, stehen die Chancen recht gut dafür.
Der Vorteil von Software as a Service (SaaS). Das Geschäftsmodell lässt sich nahezu unbegrenzt skalieren. Ob eine Software 1.000, 10.000 oder 100.000 Kunden betreut, macht technisch kaum einen Unterschied. Man benötigt lediglich ein paar zusätzliche Server und minimal mehr technisches Personal und Betreuung. Der Umsatz steigt rasant, während die Kosten flach bleiben. Bei klassischen Dienstleistungen ist das anders: Wer mehr Beratung oder manuelles Testing anbieten will, muss proportional mehr Personal einstellen. Da die meisten Barrierefreiheits-Expertinnen reine Dienstleister sind und keine eigene Software entwickeln, bleibt ihnen dieser hochprofitable SaaS-Markt verwehrt.
Allein in Westeuropa mit seinen rund 200 Millionen Einwohnern liegt hier ein riesiges, bisher kaum genutztes Umsatzpotenzial. Das zieht Akteure an.
KI spielt in diesem Kontext bisher eine geringe Rolle: Es gibt bereits erste Ansätze, die aber bislang keine großen Gewinne an Zeit oder Geld bringen. Das muss aber nicht so bleiben.
Die Expansion der Overlay-Anbieter
Neben den klassischen Produkthäusern drängen nun auch die bekannten Barrierefreiheits-Overlay-Anbieter massiv in diesen Markt. Sie haben über Venture-Capital immense Summen von Investoren eingesammelt.
Dabei sind die klassischen Overlays – also die Widgets, die man per Klick auf einer Website einbindet – für diese Firmen mittlerweile fast schon Nebensache. Ihr Fokus liegt längst auf umfassenden Monitoring-Lösungen und tieferer Automatisierung. Sie versprechen:
- automatische Untertitel und Gebärdensprach-Avatare
- KI-Übersetzungen in verständliche Sprache
- die vollautomatische Konvertierung von unzugänglichen PDFs in barrierefreie Dokumente
Dass viele dieser Versprechen Märchen sind und in der Praxis nicht wie beworben funktionieren, steht auf einem anderen Blatt. Der Kunde verfügt in der Regel nicht über das nötige Fachwissen und wird vielleicht nie merken, dass er aufs Glatteis geführt wurde. Nur die Überwachungsstellen können hier wirklich Bewusstsein schaffen. Meines Erachtens sollte auch das Wettbewerbsrecht an dieser Stelle greifen: Es werden Leistungen wie Gesetzes-Konformität versprochen, die gar nicht gehalten werden können. Bei vielen Overlay-Anbietern ist leider noch nicht angekommen, dass seine Kunden aufs Glatteis zu führen vielleicht keine so gute idee ist. Wenn ein behinderter Kunde oder eine Überwachungsstelle bei diesem Kunden anklopft, kommt das böse Erwachen.
Einige dieser Anbieter sitzen direkt in der EU. Sie haben den Vorteil, dass sie Hürden wie die DSGVO oder die Anpassung an nationale Märkte bereits hinter sich haben. Oft steigen sie mit sehr niedrigen Preisen ein, um schnell Marktanteile zu gewinnen. Ist der Kunde erst einmal an das System gebunden, folgt der Lock-in-Effekt: Die Preise werden schrittweise erhöht, weil ein Wechsel für das Unternehmen zu aufwendig wäre.
Obwohl Fachleute weltweit vor diesen Overlay-Anbietern warnen und deren Ruf in der Community ruiniert ist, greifen die Einkäufer auf Kundenseite trotzdem zu. Sie kennen die technischen Details nicht. Sie sehen nur das bequeme Versprechen: Viel Geld ausgeben und das Problem Barrierefreiheit ist erledigt.
Zwar sichern sich die Overlay-Anbieter rechtlich über ihre AGBs perfekt gegen Haftungsrisiken ab – sinngemäß steht dort oft, dass sie keine Garantie für echte Barrierefreiheit übernehmen –, doch bis Kunden das bemerken, vergeht meist viel Zeit.
Die Zukunft: Großer Beratungsbedarf für Expertinnen
Genau hier entsteht eine neue, wichtige Aufgabe für uns Barrierefreiheits-Expertinnen. Es gibt einen enormen Beratungsbedarf. Im besten Fall holen uns Kunden vor dem Kauf ins Boot, damit wir sie vor Fehlentscheidungen bewahren können. Im schlechtesten Fall müssen wir Schadensbegrenzung betreiben, wenn ein solches Tool bereits gekauft wurde.
Der Markt für Dienstleistungen wird durch diese SaaS also nicht einbrechen – im Gegenteil, er wird sich verändern und weiter wachsen.
Ein Monitoring-Tool liefert am Ende nur nackte Zahlen. Es braucht weiterhin Menschen, die diese Daten auswerten, Fehlalarme (False Positives) herausfiltern und konkrete Tickets für die Entwicklung schreiben.
Der Schwerpunkt unserer Arbeit verschiebt sich damit endgültig vom reinen Testing hin zum strategischen Consulting und zur Prozessbegleitung.