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Der Hilfsmittel-Markt für Blinde und Sehbehinderte

Blinde Person vor Rechner - KI-Generiert

Heute gibt es einen Deep Dive in das Thema Hilfsmittel für blinde und sehbehinderte Menschen. Der Hintergrund ist, dass diese Hilfsmittel extrem wichtig sind, die meisten Leute jedoch gar nicht wissen, wie der Markt eigentlich funktioniert. Auch für Barrierefreiheitsexpertinnen kann es sehr spannend sein, hier einen Einblick zu erhalten.

Generell benötigen viele sehbehinderte und blinde Menschen verschiedene Hilfsmittel, um ihren Alltag zu bewältigen. Das beginnt bei ganz alltäglichen Dingen wie Brillen. Obwohl inzwischen sehr viele Menschen Brillen oder Kontaktlinsen tragen, stehen Sehbehinderte vor speziellen Herausforderungen – etwa einem sehr starken Sehverlust, der eine entsprechend höhere Vergrößerung der Brillengläser erfordert. Dadurch gerät man schnell in einen höheren dreistelligen oder sogar vierstelligen Kostenbereich. Es gibt zudem Brillen mit speziellen Filtern, die bestimmte Lichtfrequenzen herausfiltern oder Kontraste verstärken können. Vermutlich wird sich hier durch neuartige smarte Brillen noch einiges tun, deren Gläser sich beispielsweise je nach Helligkeit automatisch einfärben. Durch Nanotechnologie ist hier sicherlich vieles denkbar, allerdings werden diese Entwicklungen entsprechend kostspielig sein.

Für blinde Menschen existiert eine ganze Reihe von Hilfsmitteln. Es ist immer wieder erstaunlich, wie umfangreich diese Produktpalette ist. Wer interessiert ist und Zeit hat, kann die SightCity besuchen – die meines Wissens weltweit größte Hilfsmittelmesse. Sie findet jährlich im Mai oder Anfang Juni relativ zentral in Frankfurt statt und steht allen Interessierten offen. .

Dort wird eine große Vielfalt geboten:

  • Alltags- und Orientierungshilfen: Blindenlangstöcke und spezielle Hilfsmittel für die Küche.
  • Digitale Werkzeuge: Kostenpflichtige Screenreader sowie Braillezeilen, mit denen sich Blindenschrift am Computer anzeigen lässt.

Erstaunlich ist hierbei oft nicht nur die Existenz dieser Geräte, sondern ihr hoher Preis. Eine Braillezeile zur Anzeige von Blindenschrift kostet ab etwa 2.000 Euro aufwärts – dabei handelt es sich meist um Einstiegsmodelle mit wenigen Zeichen. Geräte gibt es für 12, 20, 40, 64 oder 80 Zeichen. Eine Braillezeile mit 80 Zeichen schlägt mit mindestens 8.000 Euro zu Buche.

Warum sind Hilfsmittel so teuer?

  • Spezielle Technologie: Bei Braillezeilen kommen sogenannte piezoelektrische Module zum Einsatz, die in der Herstellung sehr aufwendig sind. Es existieren zwar alternative Technologien – etwa auf magnetischer Basis –, die deutlich günstiger sind. Diese konnten sich in Europa jedoch bisher nicht durchsetzen, da sie etwas lautstärker und langsamer arbeiten.
  • Geringe Stückzahlen und Nischenmarkt: In Deutschland leben schätzungsweise 100.000 blinde Menschen. Weltweit ist die Zahl zwar bedeutend höher, allerdings lebt ein Großteil der Betroffenen in einkommensschwächeren Regionen (etwa in Teilen Afrikas, Süd- und Südostasiens oder Lateinamerikas). Aufgrund fehlender finanzieller Mittel sind diese Menschen von Hilfsmitteln, die über einen einfachen Langstock hinausgehen, weitgehend ausgeschlossen. Es entsteht ein Paradoxon: Wegen der hohen Preise bleibt die Käufergruppe klein; wären die Produkte günstiger, könnten sie sich mehr Betroffene leisten.
  • Fehlende Skaleneffekte: Während Konsumgüter wie Smartphones in zweistelliger Millionenauflage vom Band laufen und dadurch kostengünstiger produziert werden können, verteilen sich die Entwicklungskosten bei Hilfsmitteln auf sehr geringe Fertigungsmengen. Zudem werden die Geräte stetig weiterentwickelt, was die laufenden Kosten hoch hält.

Kategorien moderner Hilfsmittel

Heute unterscheidet man im Wesentlichen zwischen zwei Arten von Hilfsmitteln:

  1. Dedizierte (externe) Hilfsmittel: Produkte wie die Screenreader NVDA oder JAWS sowie Braillezeilen werden speziell für blinde Menschen entwickelt und in der Regel auch nur von diesen genutzt. Sehende Personen haben im Alltag schlicht keinen Bedarf für eine 8.000 Euro teure Braillezeile.
  2. Integrierte Hilfsmittel: Immer mehr Hilfsmittel sind direkt in Standard-Betriebssysteme integriert. Apple bietet beispielsweise Screenreader wie VoiceOver auf dem iPhone an; auch die Apple Watch verfügt über eine Sprachausgabe und VR/AR-Headsets wie die Vision Pro bringen integrierte assistive Technologien mit. Diese Geräte sind im regulären Handel für alle zugänglich.

Eine relativ neue Kategorie bilden Smarte Brillen. Früher gab es hierfür spezialisierte Hilfsmittel wie die OrCam, deren Entwicklung und Vertrieb jedoch inzwischen eingestellt wurden (die günstigere Version lag damals bereits bei über 2.000 Euro und bot weniger Funktionen).

Mittlerweile gibt es in diesem Bereich moderne Alternativen wie die Meta Ray-Ban. Obwohl diese Brillen in den Medien teils kritisch diskutiert werden, erfreuen sie sich unter blinden Menschen großer Beliebtheit. Sie ermöglichen es, sich die Umgebung beschreiben zu lassen oder Texte – wie etwa Straßenschilder – vorzulesen. Mit einem Preis von rund 300 Euro ist diese Technologie deutlich erschwinglicher. Künftig werden weitere Hersteller wie Google und Samsung mit ähnlichen Modellen auf den Markt drängen und diesen Bereich weiter dynamisieren.

Um solche Hilfsmittel überhaupt nutzbar zu machen, müssen Treiber und oft auch spezielle Software programmiert werden. Das stellt einen erheblichen Kostenfaktor dar. Wir sprechen in diesem Bereich in der Regel von relativ kleinen Unternehmen. In Deutschland gehören dazu beispielsweise Akteure wie HelpTech oder Papenmeier. Nach deutschen Maßstäben handelt es sich dabei um kleine bis mittelständische Unternehmen, die den gesamten Prozess abdecken:

  • Prototyping und Produktentwicklung
  • Erstellung der Produktionsvorlagen
  • Softwareentwicklung und Sicherstellung der Kompatibilität
  • Laufender Austausch mit der blinden Zielgruppe sowie Herstellern von Screenreadern wie JAWS und NVDA

Ob die reine Fertigung komplett in Deutschland stattfindet, ist unterschiedlich, doch dieser enorme Entwicklungs- und Betreuungsaufwand treibt die Kosten maßgeblich in die Höhe. Die Hilfsmittel sind zwar teuer, die Gewinnmargen für die Hersteller dadurch aber nicht automatisch gigantisch groß.

In Zukunft dürften die Gesamtkosten eher steigen. Zwar lässt sich Software künftig eventuell durch den Einsatz von Künstlicher Intelligenz etwas günstiger entwickeln, die Hardwarekosten sind in den letzten Jahren jedoch spürbar gestiegen. Selbst moderne Technologien wie 3D-Modellierung oder 3D-Druck, die eine günstigere Prototypenfertigung ermöglichen, erfordern Fachpersonal mit entsprechendem Know-how.

Ein weiterer massiver Kostentreiber ist der regulatorische Aufwand. Viele dieser Produkte werden als Medizinprodukt eingestuft, um in den Hilfsmittelkatalog der Krankenkassen aufgenommen zu werden. Die Zertifizierung ist ein extrem aufwendiger und langwieriger Prozess. Selbst für etablierte Akteure bedeutet dies einen hohen zeitlichen und finanziellen Einsatz, der letztlich auf den Preis der Hilfsmittel umgelegt werden muss.

Dass überwiegend kleine Unternehmen in dieser Branche tätig sind, hat historische und strukturelle Gründe:

  • Gründung aus der Zielgruppe: Viele Betriebe wurden von blinden oder sehbehinderten Menschen selbst aufgebaut und werden bis heute von ihnen geführt. Dementsprechend hoch ist oft auch der Anteil an Mitarbeitenden mit Sehbeeinträchtigung.
  • Spezialwissen und Nähe zur Zielgruppe: Die Entwicklung erfordert tiefes Nischenwissen über den Markt und den konkreten Alltag der Nutzenden. Dies erfordert einen sehr engen, persönlichen Kontakt zur Zielgruppe – ein Aufwand, den Großkonzerne meist scheuen.
  • Geringe Attraktivität für Großkonzerne: Aufgrund der kleinen Zielgruppe und der überschaubaren Margen lohnt sich der Einstieg für große Hersteller kaum. Vereinzelt gibt es zwar Konsumgüter mit Sprachausgabe (wie Heißluftfritteusen oder Waschmaschinen), spezialisierte Hilfsmittel bleiben jedoch Nischenprodukte.

Obwohl der Markt klein ist und in den letzten Jahren einige Akteure Insolvenz anmelden mussten, herrscht Wettbewerb. Ein paar wenige internationale Player können durch höhere Stückzahlen die Preise drücken.

Ein prägnantes Beispiel ist Vispero – ein großer Konzernverband, der in den letzten Jahren durch Übernahmen stark gewachsen ist. Zu Vispero gehören unter anderem die Screenreader JAWS und ZoomText sowie die ehemalige TPGi (Paciello Group) für Barrierefreiheits-Dienstleistungen. Da Vispero auch eigene Braillezeilen anbietet und diese weltweit (vor allem im globalen Norden) vertreibt, kann das Unternehmen ganz andere Stückzahlen realisieren. Zudem werden die eigenen Braillezeilen oft mit JAWS gebündelt.

Herausforderungen für Start-ups und neue Ansätze

Wegen der Marktgröße und der hohen Hürden gibt es nur sehr wenige neue Marktteilnehmer:

  • DOT (Südkorea): Ein vergleichsweise neuer internationaler Akteur, der versucht, mit innovativen Produkten Fuß zu fassen.
  • Orbit Research: Ein Anbieter, der versucht, deutlich günstigere Braillezeilen und neue Formfaktoren auf den Markt zu bringen. Orbit nutzt dafür die eingangs erwähnte Magnettechnik für die Braille-Module, was die Herstellung stark verbilligt.

Allerdings bringen solche alternativen Technologien auch Tücken mit sich, etwa bei der Lautstärke oder Arbeitsgeschwindigkeit, was teils zu Akzeptanzproblemen bei den Nutzenden führt. Der gesamte Markt bleibt extrem anspruchsvoll, weshalb sich nur sehr wenige Start-ups langfristig behaupten können.

Wer die SightCity besucht, wird dort immer wieder neue Start-ups entdecken – es gibt dort mittlerweile sogar eine eigene Start-up-Ecke. Viele dieser jungen Unternehmen versuchen, neuartige Produkte auf den Markt zu bringen, etwa Orientierungshilfen auf Basis von Ultraschall, Infrarot oder Lidar-Sensoren. Oft lässt sich jedoch beobachten, dass diese Anbieter nach zwei bis drei Jahren wieder vom Markt verschwinden.

Die Ursachen für das schnelle Aus vieler Start-ups in diesem Segment sind vielfältig:

  • Fehlkalkulation und hohe Preise: Die Entwicklungs- und Produktionskosten für Hardware sind enorm hoch, was die Produkte oft unerschwinglich macht.
  • Mangelndes Venture-Capital: Hardware-Entwicklung erfordert viel Kapital. Fehlt das nötige Risikokapital, kann die erforderliche Marktdurchdringung nicht erreicht werden.
  • Unterschätzte Nutzeransprüche: Die Ergonomie oder Praxistauglichkeit im Alltag wird oft falsch eingeschätzt.
  • Mangelnde Akzeptanz der Formfaktoren: Wenn Lösungen im Alltag zu unpraktisch oder optisch auffällig sind, werden sie von der Zielgruppe abgelehnt.

Ein anschauliches Beispiel hierfür war eine Orientierungshilfe, die wie ein schwerer Schal – bestimmt anderthalb Kilo schwer – über die Schulter gelegt werden musste. Obwohl die Technik dahinter potenziell gut war, ist eine solche Lösung im Alltag unpraktisch, wenn Betroffene bereits mit Blindenlangstock, Rucksack oder Handtasche unterwegs sind. Ähnliche Schicksale erlitten andere Kuriosa, wie beispielsweise eine in den Schuh integrierte Orientierungshilfe, die sich trotz mehrjähriger Präsenz letztlich mangels Kapital und Marktdurchdringung nicht durchsetzen konnte.

Die Hürde der Hilfsmittelnummer und die Praxis der Krankenkassen

Ein zentrales Ziel vieler Hersteller ist die Aufnahme in das Hilfsmittelverzeichnis der gesetzlichen Krankenversicherungen, um eine Kostenübernahme durch die Krankenkassen zu ermöglichen. Dieser Prozess ist jedoch langwierig und kompliziert.

Zudem ist die Kostenübernahme durch die Krankenkassen in den letzten Jahren deutlich restriktiver geworden:

  • Budgetdruck: Während vor 20 bis 25 Jahren fast jedes im Katalog gelistete Hilfsmittel anstandslos finanziert wurde, stehen die Kassen heute unter starkem finanziellen Druck. Der Hilfsmittelkatalog wächst stetig, die verfügbaren Budgets jedoch nicht.
  • Strengere Notwendigkeitsprüfung: Selbst klassische und unbestrittene Hilfsmittel wie Blindenführhunde oder moderne Hightech-Orientierungshilfen werden von den Kassen oft mit der Frage konfrontiert, ob sie im Einzelfall tatsächlich zwingend erforderlich sind.
  • Ablehnungspraxis und Widerspruchsverfahren: Viele Krankenkassen stehen in dem Ruf, Anträge zunächst pauschal abzulehnen, in der Hoffnung, dass Betroffene keinen Widerspruch einlegen. Um Leistungsansprüche durchzusetzen, ist oft rechtlicher Beistand erforderlich.

Zwar gibt es verständliche Einzelfälle, in denen eine Übernahme zu Recht hinterfragt wird – etwa wenn mobilitätsfördernde Hilfsmittel für bettlägerige Personen beantragt werden –, im Regelfall besteht an der Notwendigkeit grundlegender Hilfsmittel für den Alltag blinder Menschen jedoch kein Zweifel.