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Aktuelle Herausforderungen für Barrierefreiheits-Expertinnen

Heute sprechen wir über die aktuellen Herausforderungen für Barrierefreiheitsexpertinnen. Ich möchte beleuchten, wie die Lage für Profis und für Neueinsteiger aussieht.

Der Arbeitsmarkt im Wandel

In den letzten Monaten ist mir aufgefallen: Die Zahl der offenen Stellen für Barrierefreiheitsprofis ist drastisch gesunken. Vor vier bis fünf Jahren sah das noch anders aus. Damals gab es gerade bei großen IT-Dienstleistern viele offene Jobs für Senior- und Mid-Level-Positionen. Das hat sich in den letzten anderthalb Jahren stark geändert.

Der Grund liegt auf der Hand. Das Barrierefreiheitsstärkungsgesetz (BFSG) ist letztes Jahr in Kraft getreten. Die großen Projekte dazu liefen teilweise zwei bis drei Jahre und sind nun beendet. Viele IT-Dienstleister und Kunden glauben jetzt, der Bedarf sei erst einmal gedeckt. Deshalb ist der Einstieg in den Beruf heute spürbar schwerer – selbst mit Erfahrung.

Für Juniors war die Lage schon vorher schwierig. Reine Juniorpositionen ohne praktische Erfahrung gab es eigentlich kaum. Die meisten sind über andere Aufgaben in Unternehmen reingerutscht und haben sich dann in das Thema eingearbeitet. Das ist zumindest meine Beobachtung für Deutschland. Anders als im UX-Design ist es hier unüblich, Junioren einzustellen und gezielt weiterzubilden. Das führt langfristig zu einem Mangel an erfahrenen Leuten. Ein echter Widerspruch in unserem Berufsfeld.

Das Zusammenspiel zweier Wellen

Aktuell kommen zwei Probleme zusammen. Das erste ist das BFSG, bei dem die erste große Welle vorbei ist. Das zweite Thema betrifft den öffentlichen Sektor, der momentan weniger Aufträge vergibt.

Zur Erinnerung: 2019 trat die neue BITV in Kraft, basierend auf dem EU-Standard EN 301549. Diese EU-Direktive hat das Thema im öffentlichen Bereich europaweit vereinheitlicht. Das löste damals einen echten Hype aus. Da der öffentliche Sektor riesig ist und alles etwas länger dauert, hatten wir von 2019 bis 2025 einen extrem starken Bedarf an Fachkräften.

Barrierefreiheit verläuft erfahrungsgemäß in Wellen. Wer in einem Tal einsteigen will, hat es verdammt schwer. Neue Wellen werden meist durch Gesetze, Prüfzyklen oder Skandale ausgelöst – wobei Skandale hier eher selten sind. Im öffentlichen Bereich müssen regelmäßige Prüfungen auf Kommunal-, Landes- und Bundesebene stattfinden. Das sorgt meist für einen kleinen Auftragsboom.

Im Moment befinden wir uns am Ende zweier Wellen, die fast zusammengefallen sind. Auch die Nachzügler des BFSG sind durch. Wir haben das Tal erreicht. Ich schätze aber, dass es spätestens im Herbst oder nächstes Jahr wieder bergauf geht. Sicher voraussagen lässt sich das aktuell noch nicht.

Krise und Dumpingpreise

Dazu kommt die allgemeine Wirtschaftskrise, die Deutschland besonders stark trifft. Viele IT-Aufträge werden verschoben – sowohl im öffentlichen als auch im privaten Sektor. Barrierefreiheit wird dann oft nach hinten geschoben, bis sich die Wirtschaft erholt. Wir sehen das auch in den USA, wo große Unternehmen wie Microsoft ganze Barrierefreiheitsteams entlassen.

Ein weiteres Problem sind Dumpingpreise. Viele neue Akteure drängen in den Markt, oft ohne echtes Fachwissen. Sie bieten Preise an, mit denen man als normaler Freelancer oder IT-Unternehmen nicht konkurrieren kann. Davon kann man sich schlicht nicht refinanzieren – selbst wenn man die Arbeit nach Indien oder auf die Philippinen auslagert. Ob dort am Ende ordentliche Arbeit herauskommt und für den Auftragnehmer genug übrig bleibt, ist fraglich. Aktuell ist das ein echtes Geldversenkungsgeschäft.

Der Faktor KI

Natürlich spielt auch Künstliche Intelligenz eine Rolle. Es gibt tolle KI-Agenten, die erklären, wie Barrierefreiheit angeblich funktioniert. Manche meinen nun, Entwickler bräuchten keine Experten mehr, sondern könnten einfach die KI fragen. Oder dass Entwickler sich die Skills mal eben selbst aneignen.

In der Praxis ist das extrem schwierig. Eine einzelne Komponente barrierefrei umzusetzen oder die Tastaturbedienung zu testen – das klappt per Anleitung. Aber das große Ganze und das komplexe Zusammenspiel zu verstehen, ist ein ganz anderes Thema. Dafür wird man auch in Zukunft echte Expertinnen und Experten brauchen.

Emotionaler Druck und die Gefahr von Burnout

Ein großes Thema, das ich international – besonders aus den USA – höre, ist Burnout unter Barrierefreiheitsexperten. Das hat verschiedene Gründe. Viele Profis in diesem Bereich sind „Vollblutprofis“. Sie arbeiten nicht nur in der Barrierefreiheit, sie leben sie. Oft kommt noch aktivistisches Engagement dazu.

Wenn man dann im Job ständig auf Widerstände in Unternehmen stößt, brennt man schnell aus. Man muss permanent Überredungsarbeit leisten und immer wieder dieselben Grundlagen erklären, weil Fehler sich ständig wiederholen. Das betrifft gefühlt eher die Erfahreneren in der Branche. In Deutschland kenne ich persönlich zwar noch niemanden, auf den das zutrifft, aber ich kann mich natürlich irren.

Ein riesiges Ärgernis bleibt das Fehlen von Junior-Positionen. Weil es diese Einstiegsjobs kaum gibt, fehlen die Leute, die die grundlegenden Aufgaben kostengünstig übernehmen könnten. Das macht Barrierefreiheit insgesamt teurer. Ein Mid-Level- oder Senior-Consultant kostet schließlich mehr. Die Folge: Die ganze Arbeit bleibt an den erfahrenen Kräften hängen. Gleichzeitig erwartet heute dank KI jeder, dass man in der gleichen Zeit das Zehnfache leistet und nebenbei 30 KI-Agenten jongliert. Das gehört im IT-Bereich heute wohl leider dazu.

Die Machtverschiebung auf dem Markt

Wir erleben derzeit eine massive Marktverschiebung nach oben. Was früher Freelancer gemacht haben, übernehmen heute kleine Agenturen. Was kleine Agenturen abgedeckt haben, wandert zu mittleren, und deren Projekte gehen an die ganz großen IT-Konzerne.

Das ist gar nicht unbedingt eine Preisfrage, sondern liegt an den gestiegenen Anforderungen und der Compliance. Einem neuen Freelancer schenkt man oft nicht das nötige Vertrauen. Bei einer kleinen Agentur mit zehn Mitarbeitern weiß der Kunde zumindest, dass das Projekt weiterläuft, wenn jemand krank wird oder spontan einen Rucksacktrip nach Vietnam macht.

Gleichzeitig sind die technischen Ansprüche gestiegen. Selbst eine kleine kommunale Website erfordert heute ein völlig anderes Setup bezüglich Hosting, Compliance und Schnittstellen als vor 15 Jahren. Eine kleine Agentur kann das oft nicht mehr leisten, also geht der Auftrag an eine Agentur mit 100 Leuten. Die hochkomplexen Fälle landen dann direkt bei den IT-Riesen.

Für den Markt ist das ein Problem. Wenn man sich aktuelle Ausschreibungen anschaut, braucht man sich unter 100 Mitarbeitern, fünf Jahren nachweisbarer Erfahrung und einem Team aus mindestens fünf Top-Experten oft gar nicht mehr zu bewerben. Die Hürden sind inhaltlich und rechtlich extrem hoch.

Die Masche mit den Overlays

Zu guter Letzt müssen wir über die Overlay-Anbieter sprechen. Diese drängen extrem aggressiv und mit dubiosen Methoden auf den Markt. Sie ködern Kunden mit vermeintlich super KI-gestützten Tools und extrem niedrigen Einstiegspreisen. Die Kalkulation dahinter: Nach ein paar Jahren werden die Preise massiv angezogen. Die Kunden stecken dann in der Falle (Vendor Lock-in) und kommen nicht mehr ohne Weiteres aus den Verträgen heraus.

Diese Anbieter machen uns als Experten das Leben schwer, aber das eigentliche Problem liegt woanders: Es schadet den Kunden und vor allem den Menschen mit Behinderungen.

Auch ein Monitoring-Tool oder irgendein KI-Bot, der sinnfreie Alternativtexte und unpassende ARIA-Labels generiert, hilft niemandem weiter. Aber ehrliche Aufklärung darf man von diesen Overlay-Anbietern leider nicht erwarten.

Ein optimistischer Blick in die Zukunft

Ich möchte diesen Beitrag nicht mit einer pessimistischen Note beenden. Der Beruf ist und bleibt super spannend! Wenn ihr Interesse habt, solltet ihr auf jeden Fall einsteigen – oder dranbleiben, wenn ihr schon dabei seid.

Ich bin überzeugt, dass sich die Situation bald wieder deutlich verbessern wird, spätestens Anfang nächsten Jahres. Die Marktüberwachung kommt nämlich gerade so richtig in die Puschen und verschickt die ersten Schreiben an die großen Anbieter. Auch der nächste Überwachungszyklus im öffentlichen Bereich steht an. In den nächsten ein bis zwei Jahren werden wir daher wieder einen größeren Boom erleben.

Für die Anbieter von dubiosen Overlays wird es ebenfalls ungemütlich. Den Kunden einfach irgendwelche Märchen zu erzählen, wird ihnen über kurz oder lang auf die Füße fallen. Wann genau das passiert, lässt sich schwer vorhersagen – aber es wird passieren. Auch wenn wir vielleicht nicht mehr die extreme Hype-Welle der Anfangsjahre erreichen: Die Lage auf dem Markt wird sich für uns drastisch verbessern.

Dass Entwickler das Thema Barrierefreiheit mal eben komplett nebenbei miterledigen, ist ohnehin unrealistisch. Dafür sind moderne Anwendungen viel zu komplex. Entwickler sind bereits voll damit ausgelastet, sich in neue Frameworks und KI-Tools einzuarbeiten. Barrierefreiheit lernt man nicht mal so nebenbei. Je genauer die Behörden hinschauen, desto klarer wird das. Der Bedarf an echten Consultants wird also wieder steigen. Es ist ein klassischer Zyklus aus Up and Down. Wir sind gerade im Tal, aber der nächste Berg kommt.

Tipps für Freelancer zu geben, ist im Moment gar nicht so leicht. Ich bin ja selbst vom Besucherschwund betroffen. Ich betriebe eine der größeren Websites zum Thema und kann euch ganz ungeschminkt sagen: Ich habe in den letzten zwei Jahren gut zwei Drittel meiner Reichweite verloren. Früher hatte ich um die 5.000 bis 6.000 Zugriffe im Monat, heute sind es in guten Zeiten noch 1.500 bis 2.000. Das liegt an den KI-Suchfunktionen von Google, die Institutionen gegenüber Einzelpersonen bevorzugen.

Eine eigene Website oder ein LinkedIn-Auftritt sind zwar Pflicht, aber sie bringen heute kaum noch direkt neue Aufträge. Sie sind eher die digitale Visitenkarte, wenn jemand gezielt nach euch sucht. Von Kaltakquise rate ich übrigens ab. Das überlassen wir lieber den aggressiven Overlay-Anbietern. Als Barrierefreiheitsprofis sind wir oft einfach „zwanghaft ehrlich“ – das passt nicht zur Kaltakquise.

Da die meisten von uns ursprünglich aus anderen Berufen kommen – sei es Entwicklung, Design oder UX –, lautet mein wichtigster Rat: Fahrt zweigleisig. Haltet euch beide Standbeine offen. Es ist extrem unwahrscheinlich, dass beide Branchen gleichzeitig einen Einbruch erleben. Wenn es im einen Bereich mal ruhiger läuft, zieht ihr den Fokus einfach auf den anderen.

Nutzt außerdem die Netzwerke, um auf dem Laufenden zu bleiben. In Deutschland gibt es zwar wenige Events, aber der Accessibility Club in Würzburg ist eine tolle Anlaufstelle. Auch die IAAP (International Association of Accessibility Professionals) bietet regelmäßig Webinare, Frühstücke und Foren an, um sich mit der deutschen Szene zu vernetzen. Zudem gibt es sehr aktive Slack- und Discord-Channels. Für den lokalen Austausch haben vor allem Berlin und München eine lebendige Community.

Dranbleiben und Soft Skills schärfen

Das Wichtigste ist: Bleibt am Ball, auch wenn die Auftragslage gerade dünn ist. Ohne Nachweise und aktuelle Praxis bekommt man erst recht keine Jobs. Testet regelmäßig Websites und schickt – mein persönlicher Favorit – fundierte Beschwerden wegen mangelnder Barrierefreiheit an die Anbieter. Das bringt zwar kein Geld, hält euch aber fachlich fit.

Zu guter Letzt: Technisches Wissen ist das Fundament, reicht heute aber nicht mehr aus. Was man in jedem IT- und Consulting-Beruf braucht, sind Kommunikationsstärke und emotionale Distanz.

Wenn man jedes Mal verzweifelt oder wütend wird, weil ein Kunde das Gesicht verzieht oder das Thema blockiert, hilft das niemandem. Weder euch noch den Kunden. Man muss professionelle Wege finden, um zu überzeugen – oder den Kunden im Zweifel einfach gehen lassen.

Besonders bei Menschen, die das Thema auch aktivistisch treiben, wird Kritik oft zu persönlich genommen. Bei allem Respekt: Das ist unprofessionell. Behaltet immer die nötige Distanz und Professionalität. Schärft eure Soft Skills, um das Thema Barrierefreiheit strategisch und erfolgreich voranzubringen.