Warum ich nicht kostenlos arbeite

Bei Kobinet ist die nicht ganz neue Diskussion aufgekommen, warum behinderte Menschen nicht immer kostenlos arbeiten möchten. Ich nutze einmal die Gelegenheit, da auch mich immer wieder solche Anfragen erreichen.
Da mein Webportal – ich sage es mal ganz unbescheiden – zu den großen deutschsprachigen Portalen zur digitalen Barrierefreiheit gehört, erreichen mich regelmäßige Anfragen wie „Ich würde mich gerne zum Thema X“ mit Ihnen austauschen. „Austauschen“ ist dabei als Synonym für kostenlose Beratung zu verstehen. Es ist so, als ob ich zu meinem Friseur gehe, er mir die Haare schneidet und mir währendessen über sein Handwerk berichtet und das Glück, dass er mir über sein Fach berichten kann wäre seine Bezahlung für den Haarschnitt. Der lustigste Vorfall war, als ein Bereichsleiter aus einem Bundesministerium die kostenlose Teilnahme an meinen Schulungen für seinen ganzen Ausbildungsgang schnorren wollte. Ein Bundesministerium dürfte ein fünstelliges Budget für Weiterbildungen haben.
Bitte nicht mißverstehen: Es gibt natürlich in einer sich anbahnenden Geschäftsbeziehung immer einen Punkt, an dem etwas kostenlos erfolgen muss. Das Erst-Gespräch oder ein einfaches Angebot – dafür nimmt man in der Regel kein Geld. Auch Interviews oder Fachbeiträge etwa in Zeitschriften werden meistens nicht bezahlt.
Das Problem ist, dass Barrierefreiheit, Inklusion und weitere Themen aus diesem Bereich immer noch als Gedöns verstanden werden. Es sind übrigens ganz selten Privat-Personen, sondern Unternehmen und Agenturen, gerne auch Behörden, die von mir kostenlose Beratung erwarten.
Oft wird argumentiert, es könne daraus ja eine Geschäftsbeziehung entstehen. Früher habe ich das auch gedacht. Nach etwas mehr als zehn Jahren im Bereich kann ich sagen, dass das so gut wie nie passiert. Ich kann mich an keinen einzigen Auftrag oder auch nur Empfehlung aus solchen Kontexten erinnern. Im Gegenteil: Vielfach habe ich mitbekommen, dass andere Dienstleister beauftragt wurden, wahrscheinlich solche, die weniger blauäugig als ich waren.
Richtig ist, dass es Möglichkeiten für in das Thema Einsteigende geben sollte. Aber bekanntermaßen haben wir eine nette Erfindung namens Bücher, Internet und zahlreiche Foren, in denen man sich informieren und kostenlos austauschen kann. Wer des Englischen mächtig ist oder den Google-Übersetzer bedienen kann, findet einen Ozean voller Informationen und Foren. Man kann auch von jeder Person erwartet, dass sie dazu in der Lage ist, selbst einmal zu recherchieren und nicht einfach die Zeit anderer Leute zu beanspruchen.
Nun lohnt es sich nicht, sich darüber lange aufzuregen. Was mich vor allem ärgert ist die zutage tretende Respektlosigkeit. Die Anfragenden erwarten selbstverständlich, für ihre Arbeit bezahlt zu werden. Genau so selbstverständlich erwarten sie von mir, dass ich für meine Tätigkeit nicht bezahlt werde.

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