In diesem Beitrag geht es um die sogenannten „weichen Faktoren“ der Barrierefreiheit. Im Gegensatz zu den harten, messbaren und akademisch festgelegten Faktoren tragen weiche Faktoren dazu bei, die Benutzbarkeit und Benutzerfreundlichkeit einer Anwendung radikal zu verbessern.
Das Problem ist, dass die Barrierefreiheitsrichtlinien – insbesondere die WCAG (Barrierefreie-Informationstechnik-Verordnung), die testbar ist – meist nur Dinge erfassen, die sich auf „bestanden“ oder „nicht bestanden“ prüfen lassen. Das bietet zwar den Vorteil, dass man leicht kontrollieren kann, ob ein Angebot barrierefrei ist, jedoch sind die weichen Faktoren eben schwer messbar. Dadurch lässt sich nicht eindeutig feststellen, ob ein bestimmter weicher Faktor erfüllt ist oder nicht. Viele dieser Aspekte fallen in den Bereich Usability oder User Experience. Dennoch ist es wichtig, diese Faktoren aufzugreifen – vor allem im Bereich von Angeboten des öffentlichen Sektors oder bei elementaren Angeboten wie Ärzten und Krankenhäusern.
Zielgruppen und Herausforderungen im Alltag
Besonders wichtig sind diese Faktoren aus meiner Sicht für:
- Ältere Menschen
- Menschen mit Mehrfachbehinderungen
- Menschen mit geringerer Technikaffinität und einer Behinderung
Während manche Menschen völlig problemlos mit komplexen Assistenztechnologien umgehen können, gibt es andere, die mit der Techniknutzung stark kämpfen. Gerade Letztere werden nach wie vor stark vernachlässigt, weil ihre Bedarfe durch die aktuellen Richtlinien (und voraussichtlich auch durch die kommende BITV 3.0) nicht abgedeckt werden. Da es sich hierbei um einen Entwurf handelt, sind dort zwar keine großen Sprünge zu erwarten, aber es bleibt ein Bereich, der schwer messbar und im Alltag oft unzureichend berücksichtigt ist.
Viele Akteure in der Barrierefreiheit schauen primär nur darauf, ob die Mindeststandards erfüllt sind. Zwar ist es oft schon eine Herausforderung für Anbieter, diese Mindeststandards zu erreichen, doch jemandem, der darüber hinausgeht und sich wirklich Mühe gibt, begegnet man leider nur selten.
Die wichtigsten weichen Faktoren im Überblick
Im Folgenden werden die aus meiner Sicht wichtigsten weichen Faktoren genauer betrachtet:
Verständlichkeit und intuitive Benutzbarkeit
- Oberflächen- und Textverständlichkeit: Es geht nicht nur um formale Kriterien im Sinne der BITV, sondern um die intuitive Benutzbarkeit der Oberfläche – auch für Menschen, die nicht sehen, hören oder sich frei bewegen können, oder solche mit technischen Hürden.
- Textverständlichkeit: Bekanntermaßen verlangen die BITV-Standards unter „A“ und „AA“ kaum Anforderungen an die Sprachverständlichkeit, und unter „Triple-A“ gibt es nur wenige Vorgaben, die selten berücksichtigt werden. Ein verständliches Glossar ist zwar sinnvoll, darf aber den kognitiven Load (die kognitive Last) der Nutzer nicht unnötig erhöhen. Insbesondere im Public- und Gesundheitsbereich fehlen oft deutlich verständlichere und intuitivere Texte. Zwar gibt es im Onlinezugangsgesetz (OZG) Vorgaben zur Barrierefreiheit und Usability, in der Praxis triumphiert am Ende jedoch meist die mehrfache Absicherung und Sicherheit der Anbieter gegenüber der echten Orientierung an den Nutzern.
2. Fehlertolerantes Design
- Interaktive Elemente: Fehlertoleranz bei interaktiven Elementen ist ein zentrales Thema. Die BITV fordert zwar in den Stufen A und AA klare Kennzeichnungen von Pflichtfeldern oder Fehlermeldungen, doch das ist oft nicht ausreichend, um Formulare wirklich verständlich und nutzbar zu machen.
- Formular-Komplexität: Viele Formulare (z. B. Wohngeld- oder Kindergelanträge) werden meist nur ein- oder zweimal im Leben genutzt. Wenn diese Formulare komplex aufgebaut sind, sich die Architektur (wie bei „Aba“ oder „Bba“) ändert oder fehleranfällig ist, führt das bei Anwendern zu massivem Frust.
3. Kognitive Entlastung
- Viele Anwendungen erzeugen eine enorme Menge an Informationsblöcken und Inhalten, die im Augenblick der Situation gar nicht benötigt werden. Während technikaffine Menschen Unwichtiges einfach ausblenden können, müssen blinde oder kognitiv eingeschränkte Personen oft durch unzählige unnötige Blöcke hindurch navigieren, da wichtige Inhalte meist in der Mitte oder am Ende versteckt sind.
- Eine Reduktion der Informationsblöcke auf das absolut Notwendige – wie man es positiv von gut strukturiertem Online-Banking (z. B. getrennte Ansichten für den eingeloggten und nicht eingeloggten Zustand) kennt – schützt Nutzer vor totaler Überforderung.
4. Leichte Anspassbarkeit über die Anforderungen hinaus
- Neben der Möglichkeit, Elemente zu pausieren oder auszublenden, sollte es dauerhafte Optionen geben, um unnötige Elemente permanent zu verbergen.
- Auch erweiterte Lesemodi und Layout-Anpassungen, die über die Standardfunktionen hinausgehen, sind insbesondere für Menschen mit geringer Technikaffinität oder Sehbehinderungen (die mit starker Vergrößerung arbeiten) essenziell.
5. Usability-Testing mit vulnerablen Gruppen
- Ein zentraler Aspekt ist die Durchführung von Usability-Tests mit echten Menschen mit Herausforderungen – also älteren Menschen, Personen mit Mehrfachbehinderungen oder geringer Technikaffinität.
- Da diese Gruppen die größten Schwierigkeiten im Umgang mit digitalen Anwendungen haben, liefern solche Tests die wertvollsten Erkenntnisse für eine nutzerfreundliche Gestaltung.
6. Support und Hilfestellungen
- Obwohl die EU-Norm (EN 301 549, Kapitel 12) verlangt, dass Hilfen und Unterstützungssysteme barrierefrei und erreichbar sein sollen, existieren in der Praxis oft kaum eigenständige, barrierefreie Hilfsfunktionen.
- Hier kann künstliche Intelligenz (KI) in Zukunft einen echten Mehrwert bieten: Vernünftig trainierte und gut ausgerichtete Chatbots sind als Hilfestellung oft deutlich nützlicher als schlecht gestaltete Hilfsvideos oder unübersichtliche Textwüsten.
7. Vertrauenswürdigkeit und Design-Konsistenz
- Visuelle und technische Sicherheit: Ein gutes Design zeichnet sich dadurch aus, dass es Vertrauen erweckt. Wenn sich das Layout einer vertrauten Webseite plötzlich ohne Vorwarnung ändert oder unprofessionell wirkt, schüren solche visuellen Brüche bei unerfahrenen oder blinden Menschen schnell die Angst vor Cyberkriminalität, Phishing oder Datenklau.
- Konsistenz in der Informationsarchitektur und ein verlässlicher, behördlicher Wiedererkennungswert sind daher unverzichtbar.
Fazit
Weiche Faktoren sind gut definierbar, aber in der Praxis schwer messbar, da es an eindeutigen, harten Indikatoren mangelt. Dennoch sind sie wichtig: Selbst wenn die rein formalen Barrierefreiheitsstandards zu 100 % erfüllt würden – von denen wir oft noch weit entfernt sind –, wäre dies ohne die Berücksichtigung der weichen Faktoren in vielen Fällen nicht ausreichend für eine echte Teilhabe.