In diesem Beitrag geht es um interaktive Kartendienste und darum, wie sie barrierefrei gestaltet werden können. Interaktive Karten spielen heute eine immer wichtigere Rolle. Es gibt einfache Kartenausschnitte, für die oft schon ein Alternativtext ausreicht. Häufig werden jedoch komplexe, interaktive Karten eingebunden. Sie zeigen beispielsweise Filialen, Standorte oder andere Points of Interest. Auch im öffentlichen Nahverkehr kommen sie zum Einsatz. Dort werden Haltestellen und Routen für Bus und Bahn dargestellt. Es geht also längst nicht mehr nur um eine einfache Wegbeschreibung, sondern um umfangreiche Informationen. Deshalb ist Barrierefreiheit hier besonders wichtig.
Karten sind grundsätzlich ein hilfreiches Mittel. Durch Dienste wie Google Maps sind viele Menschen daran gewöhnt, sich mit Karten zu orientieren. Für sehende Personen bieten sie einen schnellen Überblick. Man erkennt sofort, wie viele Haltestellen sich in der Nähe befinden und wo sie liegen. Diese Informationen lassen sich auf einen Blick erfassen.
Für blinde Menschen sind Karten dagegen nur eingeschränkt barrierefrei nutzbar. Das liegt an der Art der Darstellung. Blinde Menschen erhalten Informationen in einer linearen Reihenfolge, also nacheinander. Eine zweidimensionale Orientierung mit horizontalen und vertikalen Beziehungen, wie sie Karten voraussetzen, ist deshalb deutlich schwieriger. Diese Einschränkung lässt sich nur begrenzt ausgleichen. Auf mögliche Lösungen gehe ich später noch genauer ein.
Visuelle Zugänglichkeit
Zunächst geht es um die visuelle Zugänglichkeit. Nicht grafische Elemente wie Straßen oder Marker für Bushaltestellen, Filialen oder andere Points of Interest benötigen einen Mindestkontrast von 3:1 gegenüber dem Hintergrund. Texte auf der Karte, zum Beispiel Straßennamen oder Haltestellenbezeichnungen, müssen dagegen einen Kontrast von mindestens 4,5:1 erreichen.
In der Praxis ist das oft eine Herausforderung. Die Standarddarstellungen von Diensten wie OpenStreetMap oder Google Maps erfüllen diese Anforderungen häufig nicht. Eine gute Lösung ist deshalb ein Hochkontrastmodus. Nutzerinnen und Nutzer können per Schaltfläche eine kontrastreiche Darstellung der Karte aktivieren. Gleichzeitig sollte die Karte vereinfacht werden. Weniger wichtige Details können ausgeblendet werden. Wer beispielsweise nach einer Bushaltestelle sucht, benötigt in der Regel keine detaillierte Darstellung von Parks oder anderen Hintergrundinformationen. So lassen sich die erforderlichen Kontraste besser einhalten und die Übersicht verbessern.
Der Hochkontrastmodus sollte außerdem unter verschiedenen Bedingungen zuverlässig funktionieren. Viele Kartendienste bieten beispielsweise einen Nachtmodus an. Dabei wird die Darstellung an dunkle Umgebungen angepasst. Auch in diesem Modus müssen die erforderlichen Kontraste erhalten bleiben.
Ein weiterer wichtiger Aspekt sind die Marker auf der Karte. Sie kennzeichnen die relevanten Orte, etwa Bushaltestellen, Bahnhöfe, Taxistände oder Filialen. Marker dürfen sich nicht allein durch ihre Farbe unterscheiden. Stattdessen sollten sie zusätzlich ein eindeutiges Symbol oder einen Buchstaben enthalten. So kann beispielsweise ein Bussymbol oder der Buchstabe „B“ eine Bushaltestelle kennzeichnen. Für Bahnhöfe kann ein entsprechendes Bahnsymbol verwendet werden. Dadurch bleiben die Informationen auch dann verständlich, wenn Farben nicht sicher erkannt werden können.
Außerdem müssen sich Marker deutlich vom Kartenhintergrund abheben. Helle Corporate-Design-Farben wie Hellblau oder Hellgrün reichen dafür häufig nicht aus. Stattdessen sollten Farben mit ausreichend hohem Kontrast verwendet werden.
Ein Hochkontrastmodus ist aus meiner Sicht ein Muss. Ich bin allerdings nicht sicher, welche Kartendienste eine solche Funktion bereits anbieten. Bei Google Maps oder OpenStreetMap ist sie mir bisher nicht begegnet. Möglicherweise existiert sie, ich habe sie bisher nur nicht gefunden.
Wenn ein Kartendienst einen Hochkontrastmodus unterstützt, sollte diese Funktion unbedingt genutzt werden. Gibt es keine entsprechende Möglichkeit, sollte der Anbieter kontaktiert und um eine Umsetzung gebeten werden. Neben Google Maps und OpenStreetMap gibt es zwar weitere Kartenanbieter, die beiden sind jedoch die bekanntesten. Unabhängig vom Anbieter sollte das Ziel sein, eine kontrastreiche Darstellung der Karten bereitzustellen.
Falls eine Karte eine Legende enthält, muss auch diese barrierefrei gestaltet werden. Solche Legenden kommen zwar nicht besonders häufig vor, sie können aber beispielsweise unterschiedliche Kategorien von Orten kennzeichnen.
Dabei dürfen Farbe oder Form niemals die einzigen Unterscheidungsmerkmale sein. Ein rotes Symbol für eine Bank und ein grünes Symbol für ein Café reichen allein nicht aus. Diese Informationen müssen zusätzlich textlich oder durch eindeutige Symbole vermittelt werden. Das entspricht auch den Anforderungen der WCAG zum Kriterium der sensorischen Merkmale. Farbe oder Form dürfen niemals die einzige Möglichkeit sein, Informationen zu unterscheiden.
Seit der WCAG 2.2 gilt außerdem die Anforderung an die Mindestgröße interaktiver Elemente. Auch sie betrifft Karten. Anklickbare Elemente wie Marker oder Points of Interest müssen mindestens 24 × 24 Pixel groß sein oder ausreichend Abstand zueinander haben. Deshalb sollte die Karte so gestaltet werden, dass diese Mindestgröße eingehalten werden kann und sich einzelne Marker leicht auswählen lassen.
Alternative Bedienung
Ein weiterer zentraler Punkt ist die Bedienung der Karte. Auf Desktop-Systemen muss sie vollständig mit der Tastatur nutzbar sein. Nutzerinnen und Nutzer sollten die Karte beispielsweise mit den Plus- und Minustasten vergrößern oder verkleinern können. Das Verschieben des Kartenausschnitts sollte über die Pfeiltasten möglich sein. So lässt sich die Karte auch ohne Maus vollständig bedienen.
Ebenso wichtig ist eine Funktion, mit der jederzeit zum Ausgangspunkt zurückgekehrt werden kann. Wer sich auf der Karte weit bewegt oder stark herauszoomt, verliert leicht die Orientierung. Eine Schaltfläche zum Zurücksetzen der Ansicht erleichtert die Navigation erheblich.
Diese Anforderungen gelten nicht nur für Desktop-Anwendungen, sondern auch für Smartphones. Mobile Websites und native Apps müssen ebenfalls eine barrierefreie Kartensteuerung ermöglichen. Neben Touch-Gesten sollten dafür gut erreichbare Bedienelemente vorhanden sein. Dazu gehören Schaltflächen zum Vergrößern und Verkleinern sowie Steuerelemente zum Verschieben des Kartenausschnitts. Nur so kann die Karte unabhängig von der gewählten Eingabemethode zuverlässig genutzt werden.
Diese Funktionen gehören zu den grundlegenden Anforderungen an barrierefreie interaktive Karten. Auf sie sollte in keinem Fall verzichtet werden.
Im Zusammenhang mit der Tastaturbedienung gibt es noch einen weiteren wichtigen Punkt. Alle Marker oder Points of Interest müssen per Tastatur erreichbar sein. Hinter diesen Elementen verbergen sich häufig zusätzliche Informationen, etwa Adressen, Öffnungszeiten oder weitere Hinweise. Diese Informationen müssen auch Tastaturnutzenden zugänglich sein.
Ein weiterer wichtiger Aspekt ist die Möglichkeit, die Karte zu überspringen. Das gilt insbesondere für Desktop-Anwendungen und ist vor allem für Screenreader-Nutzende wichtig. Manche Karten verhalten sich mit Screenreadern problematisch. Nutzerinnen und Nutzer gelangen zwar in die Karte, erhalten dort aber unverständliche oder schwer nachvollziehbare Ansagen. Teilweise ist es sogar schwierig, die Karte wieder zu verlassen. Woran das genau liegt, hängt vermutlich von der technischen Einbindung ab. Da Karten für blinde Menschen häufig nur eingeschränkt nutzbar sind, sollte es immer möglich sein, sie einfach zu überspringen. Niemand sollte gezwungen sein, sich durch eine komplexe Kartensteuerung zu arbeiten, wenn die eigentlichen Informationen auch auf anderem Weg verfügbar sind.
Die Marker sollten deshalb fokussierbar sein. Erhält ein Marker den Tastaturfokus, sollten die zugehörigen Informationen beispielsweise in einem Tooltip oder einem vergleichbaren Element angezeigt werden. Entscheidend ist, dass alle Inhalte ohne Maus erreichbar sind.
Testen mit screenreadern
Ein besonders wichtiger Punkt ist das Testen mit Screenreadern. Hier zeigt sich, ob die technische Einbindung der Karte tatsächlich funktioniert. Aus meiner Sicht lassen sich Karten mit Screenreadern nur eingeschränkt zugänglich machen. Eine vollständig barrierefreie Nutzung ist kaum möglich. Umso wichtiger ist es, dass Nutzerinnen und Nutzer nicht in der Karte „gefangen“ werden.
Beim Test sollte deshalb überprüft werden, ob die Karte als solche erkannt wird, ob sie sich problemlos überspringen lässt und ob sich der Fokus anschließend normal weiterbewegen lässt. Niemand sollte gezwungen sein, sich mit zahlreichen Tabulatortasten durch die Karte zu arbeiten. Diese Tests sollten sowohl auf Desktop-Websites als auch in nativen Apps durchgeführt werden.
Alternative Zugänge
Kommen wir zum letzten und vielleicht wichtigsten Punkt: der Alternative zur Karte.
Eine barrierefreie Alternative ist unverzichtbar. Karten lassen sich für Screenreader nur begrenzt zugänglich machen. Selbst wenn einzelne Marker erreichbar sind, bleibt die räumliche Anordnung der Informationen schwer verständlich. Außerdem gibt es Menschen, für die Karten grundsätzlich zu komplex sind oder die grafische Darstellungen nur eingeschränkt erfassen können.
Deshalb sollte immer eine gleichwertige Alternative angeboten werden. Aus meiner Sicht eignet sich dafür am besten eine Tab-Lösung. Ein Tab enthält die Karte, der andere die gleichen Informationen in einer barrierefreien Form.
Diese Alternative kann unterschiedlich umgesetzt werden. Möglich ist eine Tabelle mit allen Standorten, eine einfache Liste der Points of Interest oder – bei vielen Einträgen – eine Suchfunktion. Nutzerinnen und Nutzer könnten beispielsweise ihre Adresse eingeben und erhalten anschließend alle Filialen oder Haltestellen in der Umgebung.
Im öffentlichen Nahverkehr ist eine solche Alternative häufig bereits vorhanden. Die klassische Fahrplanauskunft liefert die Strecke in Textform, während die Karte lediglich eine zusätzliche Visualisierung darstellt. In diesem Fall liegen die Informationen bereits doppelt vor: einmal als Text und einmal als Karte. Das ist eine gute Lösung.
Entscheidend ist, dass die Alternative inhaltlich gleichwertig ist. Sie muss dieselben wesentlichen Informationen bereitstellen wie die Karte.
Eine vollständige Routenplanung muss dabei nicht zwingend selbst entwickelt werden. Häufig genügt es, die Navigation an einen etablierten Kartendienst wie Google Maps, OpenStreetMap oder Apple Maps zu übergeben. Viele Nutzerinnen und Nutzer verwenden diese Dienste ohnehin für die eigentliche Navigation. Dadurch kann die Anwendung ihre Informationen barrierefrei bereitstellen, während die Navigation von einem spezialisierten Kartendienst übernommen wird.