Gender-gerechte Sprache und Barrierefreiheit

Frau schaut in die KameraIn letzter Zeit werde ich häufig gefragt, ob gendergerechte Sprache generell barrierefrei ist. Hier meine Antwort. Ob eine gendergerechte Sprache sinnvoll ist, möchte ich hier nicht diskutieren. Lassen Sie mich vorneweg das Fazit ziehen: Da jede denkbare Variante bei Text und Sprache gängige Konventionen verändern müssen, trägt keine mögliche Variante in unserem Sinne zur Barrierefreiheit bei. Es wäre wünschenswert, wenn sich die Betroffenen-Gruppen auf eine für alle Seiten akzeptable Variante einigen, das ist aber aktuell nicht realistisch.
Wir gehen von Personen aus, die nicht täglich mit gendergerechten Texten zu tun haben. Fangen wir mit den Varianten an, die aus Sicht der Barrierefreiheit nicht optimal sind.

Blinde und Vorlese-Software für Lese-Behinderte

Kurz zum Hintergrund: Sprachausgaben von Blinden und Lesebehinderten lassen sich so einstellen, dass sie Satzzeichen entweder vorlesen oder ignorieren. Standardmäßig werden Kommata, Interpunktionspunkte und ähnlich häufige Zeichen nicht vorgelesen. Es stört einfach den Lesefluss und an der Intonation kann man in der Regel auch hören, welches Zeichen da steht.
Bestimmte Zeichen sollen aber vorgelesen werden. Zu diesen Zeichen zählt auch das Sternchen. Welche Zeichen vorgelesen werden lässt sich in der Regel im Detail durch die Software kontrollieren. Zeichen, die innerhalb von Worten sind, also zum Bestandteil des Wortes werden, werden immer vorgelesen, da der Screenreader davon ausgehen muss, dass sie aus irgendeinem Grund relevant sind. Der Blindenverband hat eine offizielle Stellungnahme veröffentlicht..

Der Gender-Schrägstrich

Pilot/innen, Aktivist /innen, Polizist/innen –
Der Gender-Schrägstrich ist eine beliebte Variante. Der Screenreader liest:
Pilot Schrägstrich innen, Aktivist Schrägstrich innen, Polizist Schrägstrich innen –

Das Gender-I

PilotInnen, AktivistInnen, PolizistInnen
Diese Variante klingt mit der Sprachausgabe ein wenig besser, aber wirklich nur ein wenig. Mit dem Screenreader klingt das so:
Pilot innen, Aktivist innen, Polizist innen
Es klingt also wiederum wie zwei Worte, als ob hinter dem Substantiv das Wort „innen“ käme. Das klingt unlogisch und stört daher den Lesefluss.

Das Inter-Gender-Sternchen

Das Sternchen soll sämtliche möglichen Geschlechter abdecken.
Pilot*innen, Aktivist*innen, Polizist*innen –
Für Sprachausgaben ist das nicht optimal. Wir lesen:
Pilot Stern innen, Aktivist Stern innen, Polizist Stern innen –
Es klingt also wie beim Schrägstich so, als ob es sich um drei Worte und nicht um eines handelt.

Das Gender-Und

Pilotinnen und Piloten, Aktivistinnen und Aktivisten, Polizistinnen und Polizisten
Hier kann ich mir die Screenreader-Variante sparen, denn es wird genau so vorgelesen, wie es da steht.
Aber das sind doch auch schon wieder drei Worte? Ja, aber drei Worte, die logisch mit einem und verkettet sind. Es entspricht unserem Sprachgefühl. Und nach einem „Pilotinnen und“ ist relativ sicher, dass ein „Pilot“ nachgeschoben wird. Der Lesefluss fließt.
Gleiches halte ich für Braille-Leser sinnvoll. Das Gender-Und ist schneller heruntergelesen, obwohl es natürlich mehr Platz einnimmt als die Varianten mit den Binnenzeichen. Spezielle Zeichen inmitten eines Wortes, daran muss man sich erst mal gewöhnen. Denkbar ist aber, dass die Braille-Community das mit einer speziellen Formatierung wie einem Braille-Kürzel intern regelt.
Ein Problem ergibt sich allerdings, wenn solche Varianten gehäuft, etwa in einem einzigen Satz auftreten:

„Wir wollen die Möglichkeiten und Chancen nutzen, die die Telemedizin mittlerweile den Ärztinnen und Ärzten, den Patientinnen und Patienten und den Telemedizin-Assistentinnen und -Assistenten bietet.

Quelle: Rheinland-Pfalz startet Initiative „Telemedizin-Assistenz“
Solche Aufblähungen sind – ich muss das klar sagen – für keinen Leser barrierefrei.

Das Problem in Braille

Insbesondere für die Leser der Blindenschrift ist wünschenswert, dass sich eine einheitliche Variante durchsetzt: Es sind teils koplexe Konstrukte notwendig, um die Zeichen darzustellen. So unterscheidet Literatur-Braille in der Regel nicht zwischen Groß- und Kleinschreibung. Um Großbuchstaben zu kennzeichnen wird dem Großbuchstaben ein Sonder-Zeichen vorangestellt. Verwendet man also etwa das Gender-Sternchen mit folgendem großen I, hat man zwei Sonderzeichen mitten im Wort. Das ist eine Frage der Lese-Gewohnheiten. Allerdings ist es störend, wenn das Zeichen jedes Mal ein Anderes ist, also Sternchen, Schrägstrich, Unterstrich und so weiter. So kann sich keine Gewöhnung einstellen.
Zu bedenken ist außerdem, dass ein Blinder nicht „vor“-lesen kann. Ein Blinder ist gezwungen, Zeichen für Zeichen zu lesen, während ein Sehender bis zu fünf Zeichen auf einmal erfasst. Für Blinde, insbesondere für Braille-Anfänger, können Gender-Texte deshalb sehr schwierig werden.
Eine einheitliche Sonder-Lösung für Braille scheidet leider ebenfalls aus. Das hätte den Charme gehabt, dass man das Wirrwarr der Schwarzschrift hätte umgehen können. Allerdings ist man in den Gremien zu Recht der Meinung, dass man sich möglichst wenig von der Schwarzschrift entfernen sollte. Insbesondere Blinde im Arbeitsleben müssen wissen, wie sie Texte korrekt formulieren, also auch, welche Gender-Variante verwendet wird, alles andere ist unprofessionell.
Wer Technik wie Screenreader oder Braillezeilen nutzt, kann die Text-Darstellung in gewissem Maße anpassen. Bei gedruckten Texten in Braille funktioniert das allerdings nicht.

Sehbehinderte und Lese-Behinderte

Etwas anders könnte die Situation tatsächlich bei Menschen sein, die nicht blind sind, sondern aus anderen Gründen Probleme bei Texten haben. Sie könnten davon profitieren, dass die ersten drei genannten Varianten kürzer sind. Andererseits profitiert auch diese Gruppe davon, wenn eine Wort-Verkettung häufig vorkommt, weil sie diese schneller erfassen können. Alles Ungewohnte kann den Lesefluss stören und Sternchen mitten im Wort sind tatsächlich ungewohnt.
Wie gesagt, wie gehen von Menschen aus, die nicht jeden Tag mit solchen Texten beschäftigt sind.

Leichte und einfache Sprache

Eindeutiger ist meine Einschätzung bezüglich Leichter Sprache und einfacher Sprache. Handelt es sich nicht gerade um Spezial-Texte, die sich um das Thema Diskriminierung oder Gender drehen, sollte hier auf sämtliche o.g. Varianten des Gender-Mainstreamings inklusive des Gender-Unds verzichtet werden. Ich würde hier absolute Priorität auf die Lesbarkeit und Verständlichkeit legen. Und leider erfüllt keine mir bekannte Variante diese Anforderungen.
In der Regel kann man dieses Problem aber umgehen, in dem man unterschiedliche sprachliche Kniffe anwendet. Man kann zum Beispiel die Leser direkt ansprechen, das generische Maskulinum „die Arbeiter“ oder neutrale Begriffe wie „die Studierenden“ verwenden.
Für die einfache Sprache wäre wohl das große Binnen-I die am leichtesten zu lesende Variante. Für die Leichte Sprache sollte generell auf Gendern verzichtet werden.

Asperger und Autismus

Auch für Menschen mit Autismus und Asperger-Syndrom kann gegenderter Text schwierig sein. Dazu empfehle ich die Lektüre dieses Blogbeitrags. Interessant ist auch die Diskussion, die dort dargestellt ist. Anscheinend scheinen Verfechter einer gender-gerechten Sprache die Interessen Behinderter nicht für relevant zu halten, was schon viel über deren Menschenbild sagt.

m w d

Eine weitere Sonderform ist, was man in Stellenanzeigen immer häufiger liest: Männlich – weiblich – divers oder m/w/d in verschiedenen Abwandlungen. Diese Variante kann deshalb schwierig sein, weil keiner weiß, was mit „d“ oder „divers“ gemeint ist. Von der Lesbarkeit her ergibt sich bei der Kurzform das gleiche Problem wie bei dem Gender-Schrägstrich. In der ausgeschriebenen Form nimmt es in Braille recht viel Platz weg.
Nebenbei ergibt sich bei m/w/d das Problem, dass „männlich“ zuerst genannt wird, symbolisch gesehen eher schwierig. Warum nicht „Bewerbungen aller Geschlechter sind willkommen“?

Fazit

Wünschenswert ist in jedem Fall, dass sich eine einheitliche Variante durchsetzt. Das Inter-Gender-Sternchen scheint dafür der beste Kandidat zu sein. Setzt sich eine Variante flächendeckend durch, steigt die Lese-Erfahrung damit und die Argumente haben sich weitgehend erledigt. Eine Ausnahme würde ich bei der Leichten Sprache machen, hier gilt nach wie vor, dass jede Form von Komplexität die Lesbarkeit und damit die Verständlichkeit verringert. Allerdings bin ich kein Experte für Leichte Sprache und überlasse diese Diskussion den Personen, die sich täglich damit beschäftigen.
Wer sich als Blinder an den Sonderzeichen stört, kann deren Ansage durch die Software abschalten. Damit hätte sich auch dieses Problem erledigt.
Gleiches gilt zumindest für digitale Texte: Die Texte lassen sich so anpassen, dass sie quasi ohne Gender angezeigt werden.

Print Friendly, PDF & Email

2 Gedanken zu „Gender-gerechte Sprache und Barrierefreiheit“

Kommentare sind geschlossen.

Wenn Du es nicht machst, macht es keiner