Gender-gerechte Sprache und Barrierefreiheit

Aus gegebenen Anlass möchte ich auf Folgendes hinweisen: Ich biete KEINE kostenlose Beratung/Support zu diesem oder einem anderen Thema an. Ich bitte daher, von Nachfragen diesbezüglich abzusehen, sie werden ignoriert.

Vorbemerkung

In diesem Beitrag behandele ich die Frage, ob gendergerechte Sprache barrierefrei ist. Lassen Sie mich vorneweg das Fazit ziehen: Da jede denkbare Variante bei Text und Sprache gängige Konventionen verändern muss und damit komplizierter macht, trägt keine mögliche Variante in unserem Sinne zur Barrierefreiheit bei. Es wäre wünschenswert, wenn sich die Betroffenen-Gruppen auf eine für alle Seiten akzeptable Variante einigen, das ist aber aktuell nicht absehbar.
Generell bin ich kein Experte oder Aktivist für gendergerechte Sprache. Ich betrachte das Thema ausdrücklich nur aus der Perspektive der Barrierefreiheit. Da es mehrere Publikationen zu dem Thema gibt, würde ich Ihnen empfehlen, sich verschiedene Aussagen anzuschauen und dann das zu übernehmen, was Ihnen nach Abwägung aller Umstände sinnvoll erscheint.
Ich weise darauf hin, dass sich Barrierefreiheit nicht nur auf blinde Leser:Innen bezieht. Tatsächlich ist die Gruppe der Blinden relativ klein, es geht viel mehr um Personen mit Autismus, mit Lernstörungen, Konzentrationsstörungen, Sehbehinderungen und so weiter. Es ist zwar nett für die Blinden, dass ständig nach Sprachausgaben gefragt wird, allerdings werden dadurch andere Gruppen aus dem Diskurs ausgeschlossen. Wenn eine Person einen Beitrag über Gender und Barrierefreiheit schreibt, der ganze Beitrag sich aber nur um Sprachausgabe und Blinde dreht, hat diese Person das Thema Barrierefreiheit leider verfehlt. Nicht einmal Blinde sind vollständig erfasst, denn viele Blinde nutzen ausschließlich die Blindenschrift, und da kann man Satzzeichen nicht ohne Weiteres ausblenden.
Nebenbei bemerkt finde ich es spannend, wie viele Menschen ohne jegliche Behinderung meinen, sie könnten beurteilen, was für Blinde, Sehbehinderte oder Personen mit Lese-Einschränkung barrierefrei sei oder nicht. Hier scheint sich eine neue Form der Bevormundung aufzutun im Gewand des Diskriminierungsschutzes.

Sehbehinderte und Lese-Behinderte

Alles Ungewohnte kann den Lesefluss stören und Sternchen oder Unterstriche mitten im Wort sind tatsächlich ungewohnt.
Stark Sehbehinderte arbeiten mit teils hohen Vergrößerungsgraden. Dadurch werden Abstände zwischen den Wörtern schnell als Leerzeichen wahrgenommen, da man sowohl den * oben als auch den Unterstrich unten schnell übersehen und als Leerraum interpretieren kann. Daher sind Schrägstrich und Doppelpunkt für Sehbehinderte besser geeignet.
Lese-behinderte Menschen lesen sehr langsam und lassen sich schnell aus dem Konzept reißen. Für sie sind die Leerräume, die durch Stern und Unterstrich erzeugt werden eine Verkomplizierung des Textes. Auch sie kommen mit Schrägstrich und Doppelpunkt besser klar, weil diese zumindest den Abstand zwischen den Worten verringern.

Leichte und einfache Sprache

Eindeutiger ist meine Einschätzung bezüglich Leichter Sprache und einfacher Sprache. Handelt es sich nicht gerade um Spezial-Texte, die sich um das Thema Diskriminierung oder Gender drehen, sollte hier auf sämtliche Varianten des Gender-Mainstreamings inklusive des Gender-Unds verzichtet werden. Ich würde hier absolute Priorität auf die Lesbarkeit und Verständlichkeit legen. Und leider erfüllt keine mir bekannte Variante diese Anforderungen.
In der Regel kann man dieses Problem aber umgehen, in dem man unterschiedliche sprachliche Kniffe anwendet. Man kann zum Beispiel die Leser:Innen direkt ansprechen.
Für die einfache Sprache wäre das große Binnen-I die am leichtesten lesbare Variante. Für die Leichte Sprache sollte generell auf Gendern verzichtet werden, so meine Einschätzung.

Asperger und Autismus

Auch für Menschen mit Autismus und Asperger-Syndrom kann ge-genderter Text schwierig sein.
Menschen aus dem Autismus-Spektrum können schlechter mit Störungen oder Abweichungen umgehen bzw. sie ausblenden. Es fällt ihnen daher auch schwerer, sich an neue Schriftformen anzupassen. Das Autismus-Spektrum ist allerdings recht groß und es mag sein, dass die Sonderzeichen für Einige störender sind als für Andere.
Für diese Gruppe dürfte das Gender-Und am wenigsten störend sein, da es das Schriftbild nicht verändert. Bisher habe ich allerdings noch keine Wortmeldung aus der Autismus-Community zu diesem Thema gehört und möchte es ihnen überlassen, sich dazu zu äußern, was für sie am besten funktioniert.

Blinde und Vorlese-Software für Lese-Behinderte

Kurz zum Hintergrund: Sprachausgaben von Blinden und Lesebehinderten lassen sich so einstellen, dass sie Satzzeichen entweder vorlesen oder ignorieren. Standardmäßig werden Kommata, Interpunktionspunkte und ähnlich häufige Zeichen nicht vorgelesen. Es stört einfach den Lesefluss und an der Intonation kann man in der Regel auch hören, welches Zeichen da steht.
Generell verfügen Desktop-Screenreader wie NVDA oder Jaws über mehr Konfigurations-Möglichkeiten als mobile Screenreader wie Android Talkback oder iOS VoiceOver. Darüber hinaus hat aber jeder Screenreader bzw. jede Sprachausgabe eine eigene Policy dazu, welche Zeichen in welchem Kontext vorgelesen werden oder nicht. Das Sternchen wird aber regelmäßig vorgelesen, da es im anderen Kontext im Web wichtig ist: So wird es z.B. zur Kennzeichnung von Pflichtfeldern in Formularen oder für den Hinweis auf Kleingedrucktes verwendet.
Für Blinde ist es prinzipiell schwieriger, Störungen auszublenden. Eine sehende Person ist besser in der Lage, Zeichen innerhalb eines Wortes oder komplexe Konstrukte wie „der/die Notar*In“ zu überspringen. Die Blindenschrift muss zeichenweise gelesen werden, die Sprachausgabe liest wie oben dargestellt prinzipiell erst mal alles vor.

Der Gender-Schrägstrich

Pilot/innen, Aktivist /innen, Polizist/innen –
Der Gender-Schrägstrich ist eine beliebte Variante. Der Screenreader liest:
PilotSchrägstrichinnen, AktivistSchrägstrichinnen, PolizistSchrägstrichinnen –

Das Gender-I

PilotInnen, AktivistInnen, PolizistInnen
Diese Variante klingt mit der Sprachausgabe ein wenig besser, aber wirklich nur ein wenig. Mit dem Screenreader klingt das so:
Pilot innen, Aktivist innen, Polizist innen
Es klingt also wiederum wie zwei Worte, als ob hinter dem Substantiv das Wort „innen“ käme. Das klingt unlogisch und stört daher den Lesefluss.

Das Inter-Gender-Sternchen

Das Sternchen soll sämtliche möglichen Geschlechter abdecken.
Pilot*innen, Aktivist*innen, Polizist*innen –
Für Sprachausgaben ist das nicht optimal. Wir lesen:
PilotSterninnen, AktivistSterninnen, PolizistSterninnen
Es klingt also wie beim Schrägstich so, als ob es sich um ein Wort handelt, in welches das Wort „Stern“ eingefügt wurde.

Der Gender-Unterstich/Gap

Der Gender-Gap soll alle Geschlechter meinen, ähnlich wie das Gender-Sternchen.
Pilot_innen, Aktivist_innen, Polizist_innen
Der Screenreader liest:
Pilotunterstrichinnen, Aktivistunterstrichinnen, Polizistunterstrichinnen

Das Gender-Und

Pilotinnen und Piloten, Aktivistinnen und Aktivisten, Polizistinnen und Polizisten
Hier kann ich mir die Screenreader-Variante sparen, denn es wird genau so vorgelesen, wie es da steht.
Aber das sind doch auch schon wieder drei Worte? Ja, aber drei Worte, die logisch mit einem und verkettet sind. Es entspricht unserem Sprachgefühl. Und nach einem „Pilotinnen und“ ist relativ sicher, dass ein „Pilot“ nachgeschoben wird. Der Lesefluss fließt.
Ein Problem ergibt sich allerdings, wenn solche Varianten gehäuft, etwa in einem einzigen Satz auftreten.
„Die Ärztinnen und Ärzte, die Pflegerinnen und Pfleger und die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter“
Wir haben hier eine Vermehrfachung der Wortmenge, ohne dass für die Leser:in ein echter Mehrwert an Informationen geschaffen wird.
Anzumerken ist auch, dass durch das und nur weiblich und männlich repräsentiert sind.

Der Gender-Doppelpunkt

Aktuell halte ich den Doppelpunkt für die beste Variante für blinde Personen. Der Doppelpunkt wird in der Standard-Konfiguration „einige Zeichen lesen“ der gängigen Screenreader ignoriert, also nicht vorgelesen. Auch Sehbehinderte sollte er nicht stören, da er weniger Abstand zwischen den Zeichen erfordert als der Gender-Stern.

Aus der Perspektive einiger Gender-Befürwortenden sind die oben genannten Varianten allerdings nicht gleichwertig. Hier werden der Gender-Stern oder der Unterstrich bevorzugt.

Das Problem in Blindenschrift/Braille

Insbesondere für die Leser der Blindenschrift ist wünschenswert, dass sich eine einheitliche Variante durchsetzt: Es sind teils koplexe Konstrukte notwendig, um die Zeichen darzustellen. So unterscheidet Literatur-Braille in der Regel nicht zwischen Groß- und Kleinschreibung. Um Großbuchstaben zu kennzeichnen wird dem Großbuchstaben ein Sonder-Zeichen vorangestellt. Verwendet man also etwa das Gender-Sternchen mit folgendem großen I, hat man zwei Sonderzeichen mitten im Wort. Das ist eine Frage der Lese-Gewohnheiten. Allerdings ist es störend, wenn das Zeichen jedes Mal ein Anderes ist, also Sternchen, Schrägstrich, Unterstrich und so weiter. So kann sich keine Gewöhnung einstellen.
Zu bedenken ist außerdem, dass ein Blinder nicht „vor“-lesen kann. Ein Blinder ist gezwungen, Zeichen für Zeichen zu lesen, während ein Sehender bis zu fünf Zeichen auf einmal erfasst. Für Blinde, insbesondere für Braille-Anfänger, können gegenderte Texte deshalb sehr schwierig werden.
Es sei auch noch darauf hingewiesen, dass selbst geübte blinde Braille-Leser nur eine vergleichsweise geringe Lese-Geschwindigkeit erreichen können. Für einen blinden Braille-Leser sind 100 Wörter pro Minute ein hervorragendes Tempo. Ein sehender Leser soll bereits ab der Mittelstufe mindestens 150, besser 200 bis 250 Wörter pro Minute lesen können. Das heißt, jede Verkomplizierung oder Verlängerung ist in Braille eine Herausforderung.
Eine einheitliche Sonder-Lösung für Braille scheidet leider ebenfalls aus. Das hätte den Charme gehabt, dass man das Wirrwarr der gedruckten Schrift hätte umgehen können. Allerdings ist man in den Gremien zu Recht der Meinung, dass man sich möglichst wenig von der Schwarzschrift entfernen sollte. Insbesondere Blinde im Arbeitsleben müssen wissen, wie sie Texte korrekt schreiben, also auch, welche Gender-Variante verwendet wird, alles andere ist unprofessionell.
Wer Technik wie Screenreader oder Braillezeilen nutzt, kann die Text-Darstellung in gewissem Maße anpassen. Bei gedruckten Texten in Braille funktioniert das allerdings nicht.

Doppel-Gender

Die komplexeste und am wenigsten barrierefreie Variante ist das doppelte Gendern.
Variante 1, einfach gegendert:
„die Polizist*In“
Variante 2, doppelt gegendert:
„Der/die Polizist*In“
oder
„ein/eine Polizist*In“
Der Screenreader liest:
„derSchrägstrichdie Poliziststernin“
„einschrängstricheine Poliziststernin“
Entscheiden Sie selbst, ob Sie das gut lesbar finden.

Fazit

Wünschenswert ist in jedem Fall, dass sich eine einheitliche Variante durchsetzt. Setzt sich eine Variante flächendeckend durch, steigt die Lese-Erfahrung damit und die Argumente haben sich weitgehend erledigt. Eine Ausnahme würde ich bei der Leichten Sprache machen, hier gilt nach wie vor, dass jede Form von Komplexität die Lesbarkeit und damit die Verständlichkeit verringert. Allerdings bin ich kein Experte für Leichte Sprache und überlasse diese Diskussion den Personen, die sich täglich damit beschäftigen.
Der Doppelpunkt scheint aktuell die beste Variante für alle Gruppen zu sein. Er wird von Sprachausgaben nicht standardmäßig vorgelesen und er ist leichter lesbar als * oder Unterstrich, weil er den Abstand zwischen den Zeichen nicht so stark vergrößert.
Aus der Perspektive einiger Gender-Befürwortenden sind die oben genannten Varianten allerdings nicht gleichwertig. Hier wird der Gender-Stern oder Unterstrich bevorzugt.

2 Gedanken zu „Gender-gerechte Sprache und Barrierefreiheit“

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Wenn Du es nicht machst, macht es keiner