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Wie Barrierefreiheit an falschen Vorannahmen scheitert

Text Wie Barrierefreiheit an Vorannahmen scheitern kann

Heute geht es um ungeprüfte Vorannahmen – und darum, wie sie zu Barrieren führen können.

TLDR – Zusammenfassung

Vorannahmen sind Denkabkürzungen

Menschen treffen Annahmen, um den Alltag effizient zu bewältigen.
Sie sind zunächst nützlich, werden aber problematisch, wenn sie nicht hinterfragt werden.

Ungeprüfte Vorannahmen führen zu Barrieren

Sie beeinflussen Entscheidungen bei Gestaltung, Funktionen und Texten.
Auch Profis in der Barrierefreiheit können in Denkfallen geraten, besonders wenn Wissen aus älteren Richtlinien übernommen wird.

Typische Beispiele für falsche Annahmen

– Blinde Menschen können keine Computer oder Smartphones bedienen.
– Funktionale Analphabet:innen können gar nicht lesen.
– Menschen mit Lernbehinderungen oder Autist:innen nutzen bestimmte digitale Angebote nicht.
– Ältere Menschen wollen keine moderne Technik nutzen

Konkrete Auswirkungen

– Inhalte werden nicht barrierefrei gestaltet, weil man teils unbewusst davon ausgeht, dass sie ohnehin nicht genutzt werden.
– Barrierefreiheit wird herunterpriorisiert, weil sie als verzichtbar wahrgenommen wird.
– Funktionen, die Betroffene unterstützen würden, werden weggelassen.
– Interfaces werden nicht für bestimmte Zielgruppen optimiert.

Spezifische Herausforderungen in der Praxis

– Fehlannahmen können sich über Jahre verstärken und unbewusst weitergegeben werden.
– Alte Denkweisen und historische Strukturen (paternalistische Haltung, fehlende Diversität) beeinflussen Entscheidungen.

6. Wie man Vorannahmen hinterfragt

– Regelmäßig überprüfen: Stimmen meine Annahmen noch? Sind sie empirisch belegt?
– Richtlinien kritisch prüfen, ob bestimmte Maßnahmen noch aktuell oder überholt sind.
– Austausch mit Menschen mit Behinderungen suchen, beobachten, zuhören.
– Personas mit Behinderung in Konzeptions- und Entwicklungsprozesse einbeziehen.
– Neugier und kritisches Denken pflegen – nicht an Vorannahmen „festwachsen“.
– Teams divers besetzen

Zentrale Botschaft

– Vorannahmen sind normal, aber sie müssen regelmäßig überprüft werden, um unbewusste Ausgrenzung zu vermeiden.
– Wer neugierig bleibt, kritisch hinterfragt und den Austausch mit Betroffenen sucht, trifft bessere Entscheidungen für inklusive und barrierefreie digitale Angebote.

Was sind Vorannahmen

Ungeprüfte Vorannahmen sind Annahmen über Sachverhalte, die wir treffen, ohne sie wirklich zu überprüfen. Sie funktionieren gewissermaßen als Abkürzungen im Denken. Wir nehmen etwas an, halten ein bestimmtes Konzept für plausibel und gehen davon aus, dass es schon stimmen wird. In der Realität zeigt sich jedoch oft, dass diese Annahmen gar nicht zutreffen. Das eigentliche Problem entsteht dann, wenn wir sie nicht hinterfragen.
Das kann sowohl bei Menschen passieren, die sich professionell mit Barrierefreiheit beschäftigen, als auch bei denen, die nur am Rande mit dem Thema zu tun haben. In beiden Fällen können solche Annahmen dazu führen, dass Produkte oder Inhalte falsch oder unvollständig gestaltet werden. Genau deshalb möchte ich heute ein paar Beispiele anschauen und darüber sprechen, wie sich solche Denkfallen vielleicht vermeiden lassen.
Zunächst stellt sich die Frage: Warum haben wir überhaupt Vorannahmen?
Die Antwort ist eigentlich ganz simpel. Sie helfen uns dabei, unseren Alltag zu bewältigen. Unser Gehirn nutzt sie als eine Art Denkabkürzung, weil wir gar nicht die Kapazität hätten, jede einzelne Entscheidung und jede Beobachtung komplett von Grund auf zu analysieren.
Wenn wir jeden Schritt unseres Alltags bis ins Detail durchdenken müssten, würden wir wahrscheinlich morgens schon beim Aufstehen stecken bleiben. Wir würden immer weiter analysieren und abwägen – und am Ende kaum ins Handeln kommen. In diesem Sinne sind Vorannahmen also zunächst einmal nützlich und notwendig.
Das eigentliche Problem ist nicht, dass wir sie haben, sondern wie wir mit ihnen umgehen. Menschen, die reflektierter arbeiten, überprüfen ihre Annahmen regelmäßig. Sie fragen sich: Stimmt das eigentlich wirklich? Gibt es vielleicht Situationen, in denen meine Annahme nicht gilt?
Andere tun das seltener. Dann bleiben Fehlannahmen bestehen – und können sich sogar verstärken. Mit der Zeit wirken sie sich dann auf Entscheidungen und Gestaltungen aus, oft ohne dass wir es überhaupt merken.
Ein weiterer wichtiger Faktor ist Zeitdruck. In den meisten Jobs müssen wir heute viele Aufgaben gleichzeitig bewältigen. Unter solchen Bedingungen greifen wir natürlich besonders gern zu diesen mentalen Abkürzungen.
Ein typisches Beispiel wäre die Annahme: „Es wird sowieso keine behinderte Person meine Anwendung nutzen.“
Wenn man so denkt, neigt man schnell dazu, Barrierefreiheit nur minimal zu berücksichtigen – gerade so viel, dass es formal irgendwie passt. Andere Aufgaben erscheinen dringender oder wichtiger, und Barrierefreiheit rutscht in der Prioritätenliste nach unten.
Genau hier beginnt aber das Problem. Denn diese scheinbar kleine Vorannahme kann am Ende dazu führen, dass Menschen tatsächlich ausgeschlossen werden, obwohl das vielleicht gar nicht beabsichtigt war.
Häufig nehmen wir auch unsere eigene Nutzungserfahrung als Maßstab. Wir gehen ganz selbstverständlich davon aus: Ich sehe normal, ich höre normal, ich habe keine Probleme mit der Bewegung meiner Hände und kann eine Maus problemlos bedienen. Wenn für mich alles funktioniert, liegt die Annahme nahe, dass das für andere ebenfalls gilt.
Dadurch kommen wir oft gar nicht auf die Idee, dass es Menschen gibt, für die genau diese Dinge schwierig oder unmöglich sind. Oder wir unterschätzen schlicht die Größe dieser Gruppe. Man denkt dann: Das sind bestimmt nur sehr wenige Menschen. Und wenn die Gruppe so klein ist, scheint es aus praktischer Sicht nicht besonders wichtig zu sein, ihre Bedürfnisse zu berücksichtigen.
Ein weiterer Faktor ist die mangelnde Diversität in vielen Teams. Häufig arbeiten dort Menschen zusammen, die sich in vielen Punkten ähneln – man könnte sagen: Gleich und Gleich gesellt sich gern. Gerade im IT-Bereich sind Teams oft relativ jung, technisch versiert und sehr vertraut mit digitalen Werkzeugen. Die meisten sind technikaffin und bewegen sich ganz selbstverständlich in digitalen Umgebungen.
Wenn alle im Team ähnliche Erfahrungen und Fähigkeiten haben, wird es natürlich schwieriger, sich in andere Perspektiven hineinzuversetzen. Es gerät leicht aus dem Blick, dass es viele Menschen gibt, die nicht technikaffin sind, die mit bestimmten Geräten oder Bedienkonzepten Schwierigkeiten haben oder die eben nicht jung und körperlich fit sind.

Vorannahmen in der Barrierefreiheit

Schauen wir uns einmal ein paar typische Vorannahmen an, die in diesem Zusammenhang häufig vorkommen.
Eine klassische Annahme ist zum Beispiel: Blinde Menschen können keinen Computer oder kein Smartphone benutzen.
Ihr als Leserinnen eines Blogs zur Barrierefreiheit wisst natürlich, dass das nicht stimmt. Aber stellen wir uns einmal vor, man hätte sich mit dem Thema Barrierefreiheit noch nie beschäftigt und hätte auch noch keinen Kontakt zu blinden Menschen gehabt. Dann wirkt diese Annahme zunächst durchaus plausibel.
Wenn jemand blind ist, kann diese Person keine grafische Benutzeroberfläche sehen. Sie kann keine Mausbewegungen visuell verfolgen, nicht einfach auf sichtbare Elemente klicken und auch keinen Text lesen, der nur visuell dargestellt wird. All das ist zunächst einmal korrekt.
Das Problem entsteht aber, wenn wir an dieser Stelle aufhören zu denken und diese Annahme nicht weiter hinterfragen. Dann kommen wir gar nicht auf die Idee, dass blinde Menschen unsere Anwendungen möglicherweise trotzdem nutzen wollen – und dabei auf Barrieren stoßen.
Dabei gibt es eigentlich Hinweise im Alltag. Man begegnet durchaus blinden Menschen, die ein Smartphone benutzen. Sie halten es ja nicht einfach nur in der Hand oder verwenden es als Briefbeschwerer – sie nutzen es ganz offensichtlich. Und allein diese Beobachtung müsste eigentlich die nächste Frage auslösen: Wie funktioniert das eigentlich?
Die Antwort ist natürlich, dass es Technologien gibt – zum Beispiel Screenreader –, die blinden Menschen den Zugang zu digitalen Geräten ermöglichen. Aber auf diese Lösungen kommt man nur, wenn man bereit ist, die eigene Vorannahme einmal kurz anzuhalten und genauer hinzuschauen.
Genau das meine ich mit dem Festhalten an ungeprüften Vorannahmen – und dieses Phänomen begegnet uns erstaunlich häufig.
Nehmen wir zum Beispiel funktionalen Analphabetismus. Eine Person, die funktionale Analphabetin oder funktionaler Analphabet ist, kann durchaus lesen. Der Begriff bedeutet nämlich nicht, dass jemand gar nicht lesen kann. Er bedeutet lediglich, dass die Lesefähigkeiten unter einem bestimmten Niveau liegen. Vielleicht kann eine Person Wörter oder kurze Sätze lesen, hat aber Schwierigkeiten mit längeren oder komplexeren Texten. Oder sie nutzt unterstützende Technologien, zum Beispiel Tools, die Texte vorlesen.
Die Annahme, funktionale Analphabetinnen und Analphabeten könnten grundsätzlich nicht lesen, ist also schlicht falsch. Und solche Missverständnisse gibt es bei vielen Gruppen.
Ähnliches gilt etwa für Menschen im Autismus-Spektrum, aber auch für viele andere Personengruppen. Wichtig ist dabei immer wieder zu betonen: Es ist völlig normal, dass wir solche Vorannahmen haben. Problematisch wird es erst dann, wenn wir sie nicht hinterfragen.
Das gilt auch bei Themen wie Lernbehinderungen. Denken wir zum Beispiel an Menschen mit Down-Syndrom. Wenn man jemanden mit Down-Syndrom sieht, könnte man vorschnell annehmen, dass diese Person wahrscheinlich kein Smartphone nutzt oder nicht mit Plattformen wie TikTok oder Instagram umgehen kann.
Die Realität ist aber viel vielfältiger. Viele Menschen mit Down-Syndrom nutzen selbstverständlich Smartphones, soziale Medien und Apps. Ob und wie gut jemand ein bestimmtes Tool nutzen kann, hängt immer von der einzelnen Person ab – nicht allein von einer Diagnose.
Die entscheidende Aufgabe besteht also darin, die eigene Annahme kurz anzuhalten und zu prüfen: Stimmt das wirklich? Oder basiert meine Einschätzung nur auf einem Bild im Kopf?
Ein interessantes Detail ist außerdem, dass solche Vorannahmen nicht nur bei Menschen ohne Erfahrung mit Barrierefreiheit vorkommen. Auch Personen, die sich professionell mit dem Thema beschäftigen, können in solche Denkfallen geraten. Mir begegnen immer wieder erstaunliche Ideen oder Konzepte, die offenbar nie wirklich hinterfragt wurden.
Ein Beispiel dafür ist das Thema Sprachwechsel auf Webseiten. Darauf möchte ich hier nicht zu ausführlich eingehen, weil ich dazu bereits einen eigenen Beitrag gemacht habe, aber das Grundprinzip lässt sich kurz erklären.
Bei Webseiten kann man im Code angeben, in welcher Sprache der Inhalt verfasst ist. Diese Information wird unter anderem von Screenreadern genutzt, also von Programmen, die Texte für blinde Menschen vorlesen. Wenn eine Seite als Englisch markiert ist, wird sie mit englischer Aussprache vorgelesen. Wenn sie als Deutsch markiert ist, mit deutscher.
So weit, so sinnvoll. In der Praxis wird die Bedeutung dieser Einstellung allerdings häufig überschätzt, besonders von sehenden Entwicklerinnen und Entwicklern. Der Grund ist eigentlich recht einfach: Menschen stellen ihren Screenreader normalerweise auf die Sprache ein, die sie hauptsächlich verwenden.
Eine Person, die überwiegend deutsche Webseiten nutzt, wird ihren Screenreader also in der Regel auf Deutsch eingestellt haben. Und jemand, der vor allem englischsprachige Inhalte nutzt, wird ihn entsprechend auf Englisch eingestellt haben.
Deshalb spielt die Spracheinstellung des Dokuments in vielen Alltagssituationen eine deutlich geringere Rolle, als oft angenommen wird. Trotzdem wird darüber in manchen Diskussionen sehr intensiv gestritten – vermutlich auch deshalb, weil viele sehende Personen sich nur schwer vorstellen können, wie Screenreader im Alltag tatsächlich genutzt werden.
Ein besonders interessantes Beispiel für solche ungeprüften Vorannahmen ist der sogenannte Sprachwechsel innerhalb einer Webseite.
Technisch kann man in einer Webseite festlegen, dass einzelne Absätze oder sogar einzelne Wörter in einer anderen Sprache sind. Nehmen wir zum Beispiel eine deutschsprachige Seite, auf der ein englisches Zitat vorkommt. Dann kann man diesen Zitatblock im Code als Englisch markieren. Ein Screenreader würde diesen Abschnitt dann automatisch mit englischer Aussprache vorlesen. Das funktioniert sogar auf Wortebene – also theoretisch könnte ein einzelnes englisches Wort mitten in einem deutschen Satz anders ausgesprochen werden.
Für diese Funktion gibt es tatsächlich auch ein eigenes WCAG-Erfolgskriterium. Die genaue Nummer habe ich gerade nicht im Kopf, aber es existiert. Und aus meiner Sicht ist das ein gutes Beispiel dafür, wie etwas zwar technisch sinnvoll erscheint, in der Praxis aber völlig am Bedarf vorbeigehen kann.
Denn was passiert in der Realität? Der Screenreader wird gezwungen, mitten im Satz die Sprache zu wechseln. Ein Wort wird plötzlich mit englischer Aussprache vorgelesen, dann geht es wieder auf Deutsch weiter. Für viele blinde Nutzerinnen und Nutzer ist das nicht hilfreich, sondern eher störend.
Gerade Menschen, die ihren Screenreader mit höherer Geschwindigkeit verwenden – was viele erfahrene Nutzer tun – empfinden solche automatischen Sprachwechsel oft als kognitiv belastend. Man hört einen deutschen Text, ist mental auf diese Sprache eingestellt, und plötzlich wird ein einzelnes Wort oder eine kurze Phrase anders ausgesprochen. Das reißt einen aus dem Lesefluss heraus.
Trotzdem investieren viele Entwicklerinnen und Entwickler erstaunlich viel Zeit darin, diese Sprachwechsel korrekt zu markieren. Sie markieren einzelne Wörter, stellen die Sprache um, wiederholen das an mehreren Stellen im Text – alles mit dem Ziel, das Kriterium möglichst sauber umzusetzen.
Wenn man dann erklärt, dass viele erfahrene Screenreader-Nutzer diese automatische Sprachumschaltung in ihren Einstellungen deaktivieren, sorgt das manchmal für Überraschung. Der Grund ist simpel: Es ist schlicht nervig. Außerdem kommt es häufig vor, dass Sprachen falsch ausgezeichnet sind.
Ein Beispiel aus meiner eigenen Erfahrung: Vor vielen Jahren war die Webseite der taz – der Tageszeitung aus irgendeinem Grund als englischsprachig markiert. Das führte dazu, dass mein Screenreader deutsche Texte mit englischer Betonung vorgelesen hat. Und ein deutscher Text mit englischer Aussprache ist erstaunlich schwer zu verstehen.
Damals wusste ich noch nicht, dass man solche Dinge in den Screenreader-Einstellungen selbst ändern kann. Screenreader sind komplexe Programme mit sehr vielen Optionen. Für mich bedeutete das damals ganz praktisch: Ich konnte diese Seite kaum lesen.
Heute weiß ich, wo man diese Einstellung findet. Und das Erste, was ich in einem neuen Screenreader einstelle, ist tatsächlich: automatische Sprachwechsel deaktivieren.
Aber längst nicht alle Nutzerinnen und Nutzer wissen das. Für sie kann eine falsch gesetzte Sprachmarkierung dazu führen, dass ein Text schwer verständlich oder sogar praktisch unlesbar wird.
Genau deshalb ist dieses Beispiel so interessant. Hier haben Menschen mit guten Absichten eine Regel geschaffen – vermutlich aus der Perspektive sehender Entwicklerinnen und Entwickler heraus. Aber sie haben nicht vollständig durchdacht, wie sich diese Funktion im tatsächlichen Nutzungskontext anfühlt.
Das Problem ist nur: Weil es ein offizielles WCAG-Kriterium ist, verschwindet es nicht so einfach wieder. Einzelne Personen können das nicht abschaffen. Und so investieren weiterhin viele Teams Zeit und Energie in eine Funktion, deren praktischer Nutzen zumindest sehr diskutabel ist.
Auch das ist letztlich wieder ein Beispiel für das zentrale Thema dieser Folge: Vorannahmen, die nie wirklich hinterfragt wurden.
Eine andere Diskussion, die ich hier nur kurz anreißen möchte, weil ich selbst nicht tief genug im Thema stecke, finde ich ebenfalls sehr spannend: die Debatte um Leichte Sprache und einfache Sprache.
Zur kurzen Einordnung: Einfache Sprache richtet sich grundsätzlich an eine breite Bevölkerung – also an Menschen, die Schwierigkeiten haben, komplexe Alltagstexte zu verstehen. Leichte Sprache dagegen ist ein spezielles Konzept mit sehr stark vereinfachten Regeln und richtet sich vor allem an Menschen mit Lernbehinderungen.
So lautet zumindest die gängige Einordnung.
Inzwischen wird jedoch häufiger argumentiert, dass diese Einteilung möglicherweise zu stark vereinfacht. Menschen mit Lernbehinderungen werden dabei oft über einen Kamm geschoren, obwohl ihre Fähigkeiten, Sprache zu verstehen, sehr unterschiedlich sein können.
Das bedeutet: Es gibt sicherlich Personen, die tatsächlich auf Leichte Sprache angewiesen sind. Gleichzeitig könnte es aber auch viele Menschen geben, die mit gut umgesetzter einfacher Sprache besser zurechtkommen würden – wobei das „gut umgesetzt“ hier entscheidend ist.
Ein Argument in dieser Diskussion ist auch der Aspekt der Stigmatisierung. Leichte Sprache hat ein sehr spezifisches Erscheinungsbild: kurze Sätze, viele Absätze, besondere Formatierungen. Manche Menschen empfinden diese Form daher als auffällig oder sogar stigmatisierend. Ein Text in einfacher Sprache könnte für sie angenehmer sein, weil er weniger speziell wirkt und näher an gewöhnlichen Texten bleibt.
Ein weiterer Punkt ist, dass Leichte Sprache oft dazu gezwungen ist, Informationen stark zu reduzieren. Dadurch kann zwar die Verständlichkeit steigen, gleichzeitig gehen aber auch Inhalte verloren. Manche Menschen könnten deshalb mit einer verständlich formulierten einfachen Sprache sogar mehr anfangen.
Ich finde diese Diskussion deshalb spannend, weil sie eine wichtige Frage aufwirft:
Sind diese Annahmen eigentlich empirisch überprüft worden?
Hat man systematisch untersucht, welche Formen der sprachlichen Vereinfachung für welche Gruppen tatsächlich am besten funktionieren? Und könnte es vielleicht sein, dass einfache Sprache in vielen Fällen bereits ausreichen würde – oder dass sich beide Ansätze sinnvoll miteinander verbinden lassen?
Denn in der Praxis stoßen wir schnell auf ein ganz anderes Problem: Ressourcen. Kaum eine Organisation hat die Kapazität, Inhalte konsequent sowohl in einfacher Sprache als auch in Leichter Sprache bereitzustellen. Dieses doppelte System ist aufwendig und wird deshalb oft gar nicht umgesetzt.
Meine Vermutung ist allerdings, dass sich diese Frage in einigen Jahren teilweise von selbst lösen könnte. Wenn künstliche Intelligenz zunehmend in der Lage ist, Texte automatisch zu vereinfachen, könnten Inhalte dynamisch an unterschiedliche Bedürfnisse angepasst werden – zum Beispiel durch verschiedene Grade der Vereinfachung oder durch personalisierte Darstellung.
Bis dahin haben wir jedoch ein sehr praktisches Problem: Es fehlt an beidem. Es gibt weder ausreichend Texte in einfacher Sprache noch genügend Inhalte in Leichter Sprache – und vor allem fehlen sie genau dort, wo sie für die jeweiligen Zielgruppen besonders wichtig wären.
Deshalb wäre es aus meiner Sicht sehr sinnvoll, stärker zu untersuchen, was Menschen tatsächlich benötigen. Also nicht nur theoretisch darüber zu sprechen, welche Konzepte es gibt, sondern empirisch zu klären, welche Formen der sprachlichen Aufbereitung für welche Gruppen wirklich hilfreich sind.

Auswirkungen ungeprüfter Vorannahmen

Einige habe ich schon indirekt erwähnt: Implizite – also oft unbewusste – Annahmen führen sehr leicht dazu, dass bestimmte Themen gar nicht erst ernsthaft betrachtet werden.
Wenn ich zum Beispiel denke: „Diese Gruppe braucht keine Leichte Sprache oder keine besonders verständlichen Texte, weil sie das ohnehin nicht verstehen wird“, dann werde ich auch keine oder wenig Energie investieren, solche Texte zu erstellen. Die Konsequenz ist einfach: Man lässt es bleiben.
Ähnlich ist es bei anderen Gruppen.
Wenn ich davon ausgehe, dass blinde Menschen keine Computer nutzen, dann halte ich Alternativtexte vielleicht für verzichtbar. Dann denkt man: „Das kann man später irgendwie automatisch lösen, vielleicht mit KI – so genau müssen wir das nicht machen.“
Wenn ich annehme, dass funktionale Analphabetinnen und Analphabeten Inhalte sowieso nicht verstehen können, dann komme ich vielleicht gar nicht auf die Idee, Funktionen einzubauen, mit denen sich Texte vorlesen lassen oder mit denen sich die Darstellung anpassen lässt.
Oder wenn ich glaube, dass Autistinnen und Autisten meine Webseite ohnehin nicht besuchen werden, dann habe ich aus meiner Sicht keinen Grund, auf Reizüberflutung zu achten. Dann baue ich vielleicht ohne großes Nachdenken Animationen, Effekte und visuelle Spielereien ein – schließlich „betrifft das ja niemanden“.
Man kann diese Beispiele im Grunde endlos fortsetzen. Das Ergebnis ist immer ähnlich: Es werden Entscheidungen getroffen, die auf falschen Annahmen beruhen, oft ohne dass man sich dessen bewusst ist.

Auch BF-Profis liegen manchmal falsch

Interessanterweise sehen wir ein ähnliches Problem auch bei Barrierefreiheitsprofis. Auch dort werden manchmal Annahmen als selbstverständlich betrachtet, obwohl sie längst überholt sind.
Ein typisches Phänomen ist: Je länger jemand im Feld arbeitet, desto mehr Wissen sammelt sich an – aber nicht alles davon wird regelmäßig hinterfragt. Gerade Menschen, die schon sehr lange im Bereich Barrierefreiheit tätig sind, haben ihr Wissen oft noch aus der Zeit früherer Richtlinien, zum Beispiel aus der alten BITV oder sehr frühen Versionen der WCAG.
Dann werden bestimmte Vorstellungen einfach über Jahre hinweg mitgeschleppt, ohne noch einmal zu prüfen, ob sie heute überhaupt noch zutreffen.
Das kann zwei Folgen haben. Einerseits werden Maßnahmen umgesetzt, die viel Aufwand verursachen, für die betroffenen Nutzerinnen und Nutzer aber nur begrenzten Nutzen haben. Andererseits bleiben vielleicht Dinge liegen, die tatsächlich wichtig wären.
Ich habe vorhin schon das Beispiel mit den Sprachwechseln genannt. Ein anderes Beispiel ist der Umgang mit Abkürzungen im Code. Früher war es üblich, Abkürzungen über bestimmte Attribute ausführlich zu erklären. Inzwischen ist das in den neueren WCAG-Versionen weitgehend überholt – trotzdem taucht diese Praxis immer wieder auf, weil sie früher einmal gelernt wurde.
Solche Dinge entstehen oft aus Annahmen darüber, wie Menschen mit Behinderung das Web nutzen oder wie assistive Technologien funktionieren. Diese Annahmen waren vielleicht einmal richtig, gelten heute aber nicht mehr unbedingt.
Und ja – solche Situationen erlebe ich durchaus auch persönlich. Es kommt vor, dass Menschen mit sehr viel Erfahrung im Bereich Barrierefreiheit sehr überzeugt erklären, wie etwas angeblich funktionieren müsse, obwohl Betroffene selbst eine ganz andere Perspektive einbringen.
Natürlich kann sich jede und jeder einmal irren. Das ist völlig normal. Problematisch wird es erst dann, wenn man an solchen Annahmen trotz gegenteiliger Hinweise festhält und nicht bereit ist, sie zu korrigieren.
Zum Glück ist das nicht die Regel. Es gibt viele sehr reflektierte Fachleute, die offen für Feedback sind und aktiv den Austausch mit Betroffenen suchen. Aber die beschriebenen Situationen kommen eben doch immer wieder vor.

Was kann man tun?

Die entscheidende Frage ist also: Was kann man konkret tun, um solche Vorannahmen zu hinterfragen?
Ich glaube, der erste wichtige Schritt ist tatsächlich, die eigenen Annahmen immer wieder zu überprüfen. Also sich regelmäßig zu fragen: Stimmt das eigentlich noch, was ich da denke? War das jemals korrekt – oder habe ich das vielleicht nur irgendwann einmal so gelernt?
Gerade im Bereich der Richtlinien passiert es schnell, dass man sich im Dschungel der Vorgaben ein wenig verirrt. Man ist sich dann ganz sicher: Diese Anforderung habe ich doch irgendwo in den WCAG gelesen. Wenn man dann noch einmal genau nachschaut, stellt man plötzlich fest: Steht da gar nicht.
Deshalb lohnt es sich, solche Dinge gelegentlich wirklich noch einmal nachzuprüfen. Und man darf auch durchaus hinterfragen, was in den Richtlinien selbst steht. Ich habe ja schon ein paar Beispiele genannt.
Es gibt Anforderungen oder Techniken, die heute technisch eigentlich überholt sind – etwa bestimmte Hinweise zum autocomplete-Attribut, das moderne Browser mittlerweile ohnehin ziemlich gut handhaben. Solche Dinge werden teilweise einfach seit vielen Jahren mitgeschleppt. Ähnliches gilt für alte Workarounds aus Zeiten, in denen bestimmte Screenreader oder Browser ganz eigene Probleme hatten – zum Beispiel spezielle Anpassungen für Kombinationen wie JAWS im Internet Explorer.
Das sind Lösungen für technische Situationen, die es heute oft gar nicht mehr gibt. Da kann man sich durchaus fragen: Ist das noch sinnvoll – oder machen wir hier Aufwand für ein Problem, das längst verschwunden ist?
Ein zweiter wichtiger Punkt ist der direkte Austausch mit Menschen mit Behinderung. Das sollte eigentlich selbstverständlich sein, wird aber trotzdem nicht immer konsequent umgesetzt. Es hilft enorm, einfach zu fragen: Wie nutzt du diese Anwendung eigentlich? Was funktioniert gut? Was nervt? Oder auch einfach einmal zuzuschauen, wie jemand mit assistiver Technologie arbeitet.
Das würde ich übrigens auch ausdrücklich erfahrenen Barrierefreiheitsprofis empfehlen. Gerade wenn man schon lange in dem Bereich tätig ist, kann der Blick von außen sehr wertvoll sein. Am besten spricht man dabei mit Menschen, die selbst assistive Technologien nutzen und gleichzeitig ein gutes Verständnis für Barrierefreiheit haben – also Personen, die beides zusammenbringen: Erfahrung aus der Praxis und technisches Know-how.
Was mich persönlich manchmal irritiert, ist, dass Betroffene in manchen Expertendiskussionen nicht immer ernst genommen werden – besonders in älteren Strukturen. Das hat sicher auch historische Gründe. Viele der heutigen Expertinnen haben in einer Zeit angefangen, in der es zum Beispiel die UN-Behindertenrechtskonvention noch gar nicht gab. Damals war die Haltung oft eher paternalistisch: Man wollte „den armen Behinderten helfen“, damit sie irgendwie besser zurechtkommen. Die heutige Perspektive der Selbstbestimmung und Teilhabe hat sich erst später stärker durchgesetzt.
Natürlich gilt das längst nicht für alle. Es gibt viele sehr reflektierte Fachleute, die diese Entwicklung aktiv unterstützen. Aber bei manchen ist diese alte Denkweise noch spürbar – und auch das kann dazu führen, dass bestimmte Annahmen nicht mehr hinterfragt werden.
Ein praktisches Werkzeug kann außerdem sein, Personas mit Behinderung in Entwicklungs- oder Konzeptionsprozesse einzubeziehen. Das Persona-Konzept ist zwar in der UX-Community inzwischen teilweise umstritten, aber es kann dennoch helfen, sich systematisch in unterschiedliche Nutzungssituationen hineinzuversetzen.
Nehmen wir zum Beispiel ältere Menschen. Man könnte vorschnell behaupten: Ältere Menschen nutzen das Internet oder moderne Technik sowieso nicht. Natürlich stimmt das so nicht – es gibt sehr viele ältere Menschen, die digitale Angebote ganz selbstverständlich nutzen.
Wenn ich diese Vorannahme habe, dann kann es passieren, dass ich diese Gruppe unbewusst ausschließe. Stattdessen könnte man sich eine andere Frage stellen: Warum nutzen manche ältere Menschen bestimmte Angebote vielleicht weniger?
Und dann könnte man zu einer ziemlich interessanten Erkenntnis kommen: Vielleicht liegt es gar nicht daran, dass sie nicht wollen oder nicht können. Vielleicht liegt es schlicht daran, wie wir unsere Interfaces gestalten.
Das wäre zumindest eine Hypothese, über die man nachdenken könnte. Und der einfachste Weg, das herauszufinden, ist wieder der gleiche wie zuvor: miteinander sprechen. Die meisten von uns haben ältere Menschen im Umfeld – Eltern, Großeltern, Nachbarn oder Bekannte. Man kann sie einfach fragen oder ihnen einmal beim Nutzen digitaler Angebote zuschauen.

Fazit

Am Ende läuft vieles auf einen zentralen Punkt hinaus: Neugier.
Die Bereitschaft, Dinge zu hinterfragen und nicht einfach als gegeben hinzunehmen.
Manchmal habe ich den Eindruck, dass diese Neugier bei einigen Verantwortlichen etwas verloren gegangen ist. Wir richten uns bequem in unseren Vorannahmen ein – und pflegen sie fast wie eine kleine Pflanze.Dabei wäre es eigentlich sinnvoll, sie gelegentlich zu prüfen: Stimmt das noch? Habe ich dafür wirklich gute Gründe? Oder handelt es sich vielleicht um ein Vorurteil, das ich nie richtig hinterfragt habe? Und wen könnte ich mit dieser Annahme möglicherweise ausschließen?