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Schlechte UX als Problem der Barrierefreiheit

Etablierte UX-Patterns sind ein entscheidender, oft übersehener Hebel für die digitale Barrierefreiheit. Barrierefreiheit legt einen einseitigen Fokus auf Konformität – etwa als fehlerfreier Code für Screenreader. Die Realität zeigt jedoch eine enge Querverbindung zwischen schlechter UX und digitaler Ausgrenzung. Besonders ältere Menschen oder Menschen mit kognitiven Einschränkungen, die keine speziellen assistiven Technologien nutzen, scheitern im Alltag regelmäßig an unnötig komplexen Benutzeroberflächen. Die Lösung wäre radikale fokussierung auf den Nutzenden – davon würden alle profitieren. Barrierefreiheit beginnt daher schon bei der mentalen und visuellen Strukturierung einer Anwendung.
Das Problem ist, dass UX-Verbesserungen in der heutigen Form vor allem jenen nutzen, die auch mit schlechten Anwendungen zurecht kommen. Und die meisten Anwendungen sind trotz UX-Expertise schlecht, was aber nicht an den UX-Expertinnen liegt. Sondern an falschen Anforderungen, Legacy und Rechts-Abteilungen. Es ist eine Binse, die aber trotzdem zu keiner Änderung führt: Wir haben ein Umsetzungs-, kein Erkenntnis-Problem. Deswegen bin ich mir auch sicher, dass künftige Systeme eher schlechter als besser werden. Radikale Fokussierung auf die vulnerabelsten Nutzenden ist ein Wunschtraum. Selbst viele Barrierefreiheits-Expertinnen haben das übrigens nicht verstanden, wie die Diskussion um Jakob Nielsen zeigt. Die WCAG und die Forderung nach völliger Konformität war für statische Websites in Ordnung, auch wenn ich es persönlich nicht überzeugend finde. Bei Formularstrecken und Anwendungen ist der Fokus auf volle Konformität statt UX ein Holzweg. Es zeigt, dass viele Verantwortliche kein echtes Verständnis für Nutzende mit Herausforderungen oder assistiven Technologien entwickelt haben. Für Screenreader, Sprachsteuerung, Bildschirm-Vergrößerung, Schaltersteuerung oder kognitive Herausforderungen sind nicht Überschriften, Kontraste oder Animationen das Kernproblem. Das Problem sind völlig überladene und inkonsistente User-Interfaces. Wer ernsthaft möchte, dass Apps des Public-sektors wie die elektronische Patientenakte verwendet werden, müsste die Anwendungen radikal vereinfachen. Sicherheit, Datenschutz und Absicherung des Anbieters sind legitime und richtige Ziele. Aber das Pendel hängt beim Anbieter fest statt zwischen Anbieter und User einen vernünftigen Kompromiss zu finden.

Probleme bei UX

Ein großes Problem für Personen, die assistive Technologien nutzen sind überladene und nicht erwartungskonforme Anwendungen. Wer sich innerhalb einer Anwendung wie dem Online-Banking bewegt, hat immer noch den Wust aus der Haupt-Navigation des normalen Portals, die Fußzeile, Hinweise auf andere Produkte und vieles mehr. Wer Erfahrung mit der Anwendung hat, kann sich da durchbewegen oder zumindest die konkrete Aufgabe erledigen. Andere Nutzende sind damit vollständig überfordert. Es spielt eigentlich keine Rolle, ob das Portal barrierefrei ist oder nicht, weil die Menge An Inhalten so oder so überwältigend ist.
Für die gleiche Gruppe ist auch die geringe Konsistenz beim Verhalten des Portals ein Problem. Ist jetzt alles Anklickbare per Tab erreichbar oder doch per Pfeiltasten etwa bei Registerkarten. Wenn es eine Selectbox ist, warum lässt es sich dann nicht aufklappen? Wird etwas ausgelöst, wenn ich eine Option selektiere?
Ein zentrales Problem ist das fehlende mentale Modell aufseiten der Nutzenden. Wenn die Grenzen zwischen Begriffen wie Account, Cloud, Synchronisation, App und Service verschwimmen, verstehen die Betroffenen nicht mehr, wie das System im Kern funktioniert. Diese Unklarheit führt zu Unsicherheit, falschen Erwartungen und letztlich zum Abbruch der Nutzung. Dem lässt sich durch explizite Alltagsmodelle statt technischer Fachbegriffe entgegenwirken – beispielsweise indem von einem „Postfach“ statt vom „Mailbox-Backend“ gesprochen wird. Zudem helfen eine schrittweise Einführung neuer Funktionen, eine konsistente Systemmetapher innerhalb des Produkts, leicht verständliche Statusanzeigen sowie eine funktional integrierte, geführte Erstnutzung.

Ebenso kritisch sind unsichtbare Systemzustände. Wenn Prozesse wie Logins, Synchronisationen, Rechtevergaben oder Versionsstände technisch zwar korrekt ablaufen, aber visuell nicht wahrnehmbar sind, wirkt das Systemverhalten willkürlich. Nutzende haben das Gefühl, den Zustand rein zufällig herbeigeführt zu haben. Gelöst wird dies durch unmissverständlich sichtbare Systemzustände (z. B. „Gespeichert auf dem Gerät ✔ / in der Cloud ✔“) und einen zentralen, leicht erfassbaren Statusbereich, der wie ein Ampelsystem funktioniert. Jede Aktion benötigt eine eindeutige Rückmeldung, während unbemerkt im Hintergrund ablaufende Systementscheidungen konsequent vermieden werden sollten.

Darüber hinaus führt eine generelle Überforderung durch Optionen schnell zur Entscheidungslähmung oder zu Fehlbedienungen, wenn zu viele Auswahlmöglichkeiten gleichzeitig präsentiert werden. Das Interface muss sich daher auf das Wesentliche beschränken. Das Prinzip der Progressive Disclosure sorgt dafür, dass Informationen und Optionen erst dann eingeblendet werden, wenn sie tatsächlich gebraucht werden. Idealerweise fokussiert sich jeder Screen auf genau eine Hauptaktion (One primary action), unterstützt durch qualitativ hochwertige Standardwerte. Expertenoptionen gehören in den Hintergrund, bleiben für Profis aber auffindbar. Zudem sollten Oberflächen in konkreten Aufgaben statt in abstrakten Funktionen denken – ein Button sollte also „Rechnung bezahlen“ heißen und nicht eine Kette aus „Upload“, „Export“ und „Settings“ erfordern.

Schließlich scheitern viele Menschen an unklaren Fehlermeldungen und fehlenden Handlungsanweisungen. Wenn Fehlermeldungen rein technischer Natur sind, erzeugen sie Angst vor der weiteren Nutzung oder führen zum sofortigen Verlassen der Anwendung. Gute UX-Patterns übersetzen Fehler in konkrete Handlungsaufforderungen statt in reine Diagnosen: Ein Hinweis wie „Bitte WLAN prüfen“ ist barrierefreier als ein kryptischer „Error 504“. Jede Fehlermeldung muss ein bis zwei konkrete nächste Schritte aufzeigen oder über ein „Undo“-Prinzip verfügen, das Fehler verzeihlich macht, anstatt eine Kultur der Verwarnung zu schaffen. Durch optimierte Standardwerte lassen sich Fehler im Vorfeld minimieren; sollte dennoch etwas schiefgehen, hilft ein direkter Eskalationspfad, der den Support-Kontakt ohne Umwege aus der Fehlermeldung heraus erreichbar macht.
Ein weiterer kritischer Faktor ist die tief sitzende Angst vor irreversiblen Konsequenzen. Viele Betroffene zögern bei der Bedienung, weil unklar ist, ob sie versehentlich etwas „kaputtmachen“ können – sei es in Bezug auf Geld, die eigene Gesundheit oder sensible Daten. Diese Sorge führt zu digitaler Vermeidung oder extremem Misstrauen gegenüber dem System. Um diese Hürde abzubauen, müssen reversible Aktionen zum Standard werden: Funktionen wie ein unkompliziertes Undo (Rückgängigmachen), automatische Versionierungen und ein Papierkorb nehmen dem Klick das Risiko. Zudem helfen eine sichere Vorschau (Safe Preview) vor der finalen Ausführung, klar sichtbare Sicherheitsgarantien („Kann jederzeit rückgängig gemacht werden“) und eine Risikokommunikation in verständlicher Alltagssprache, das Vertrauen in die eigene Bedienung zu stärken.

Eng damit verknüpft ist die Terminologie-Barriere. Wenn eine Anwendung in der Systemsprache statt in der Alltagssprache kommuniziert, erzeugt dies ein Gefühl von Fremdheit und kognitiver Distanz. Barrierefreie UX legt deshalb eine verständliche, menschliche Sprachebene über die technischen Begriffe. Anstatt Erklärungen auf externe Hilfeseiten auszulagern, sollten kontextuelle Erläuterungen direkt dort im Interface platziert werden, wo sie gebraucht werden. In kritischen Prozessen wird konsequent auf Abkürzungen und Fachbegriffe verzichtet, während die verwendeten Bezeichnungen über das gesamte System hinweg strikt konsistent bleiben müssen.

Tritt dennoch ein Problem auf, führt eine unklare Verantwortlichkeit oder fehlender Support schnell zu Hilflosigkeit. Nutzer wissen oft nicht, wer bei Fehlern zuständig ist. Ein barrierefreies System definiert daher einen klaren Ansprechpartner und signalisiert aktiv Hilfsbereitschaft („Wir helfen Ihnen hier“). Aus jeder Situation heraus sollte ein direkter, menschlicher Support erreichbar sein – starre Chatbot-Sackgassen ohne die Möglichkeit einer menschlichen Eskalation sind hierbei eine enorme Barriere. Besonders bei komplexen Mehrparteien-Systemen, wie man sie oft in der Verwaltung findet, ist eine transparente Aufteilung der Zuständigkeiten unerlässlich.

Eine der größten Hürden beim Einstieg oder der Rückkehr in eine Anwendung ist die Identitäts- und Login-Komplexität. Fragmentierte und schwer verständliche Authentifizierungsprozesse führen zu häufigen Abbrüchen. Moderne UX-Patterns setzen hier auf passwortlose Login-Methoden wie Passkeys und machen eine bestehende Gerätebindung („Dieses Gerät ist vertrauenswürdig“) für den Nutzer klar sichtbar. Die logische Komplexität von Sitzungsdauern (Session-Logik) sollte im Erleben der Nutzenden so weit wie möglich minimiert werden, idealerweise durch eine einheitliche Identität über verschiedene Services hinweg. Zudem nehmen angstfreie Prozesse beim erneuten Anmelden das Gefühl, im Fehlerfall sofort dauerhaft ausgesperrt zu sein.

Darüber hinaus verhindern Inkonsistenz und unvorhersehbares Verhalten, dass Nutzende ein stabiles Bedienmuster erlernen können. Verhält sich ein System je nach Kontext unterschiedlich, führt dies zu dauerhafter Unsicherheit. Das Fundament barrierefreier UX ist daher das Prinzip: Konsequent gleiche Aktionen müssen zu gleichen Ergebnissen führen. Versteckte Änderungen an der Benutzeroberfläche nach Updates gilt es zu vermeiden. Größere Versionssprünge müssen transparent und behutsam kommuniziert werden („Das ist neu, aber so funktioniert es“). In der Entwicklung sollte das Credo „Stabilität zuerst“ immer vor dem Drang nach ständig neuen Features stehen.

Schließlich scheitern digitale Angebote oft an einer fehlenden sozialen Einbettung, die Nutzende mit einem komplexen System allein lässt. Dadurch eskalieren selbst kleine Bedienprobleme schnell. Die Lösung liegt in Hybridmodellen, die das Digitale mit dem Menschlichen verknüpfen. Dazu gehören integrierte Systeme für Vertrauenspersonen, die es Familie oder Assistenzen erlauben, sicher zu helfen, sowie digitale Lotsen, die sich besonders im Verwaltungs- und Gesundheitssektor bewährt haben. Auch die Möglichkeit, den aktuellen Kontext einer Fehlermeldung einfach und sicher weiterzugeben („Bitte helfen Sie mir bei diesem Schritt“), bricht die digitale Isolation auf.

## Meta-Erkenntnis

Fazit

Betrachtet man all diese Punkte, wird ein grundlegendes Problem der aktuellen Softwareentwicklung sichtbar: Die meisten UX-Ansätze optimieren heute primär die Effizienz für bereits kompetente und technologieaffine Nutzende. Was sie vernachlässigen, ist die Reduktion der kognitiven Last für unsichere Menschen.

Daraus ergibt sich ein entscheidender Unterschied in der Herangehensweise: Während die klassische UX fragt: „Wie schnell kommt man durch den Prozess?“, fragt eine wirklich inklusive und barrierefreie UX: „Wie sicher fühlt sich jeder einzelne Schritt an?“