Macht Diversity die Sprache unverständlich?

Es gibt zwei gegenläufige Tendenzen: Einerseits wächst das Verständnis dafür, dass Kommunikation verständlicher werden muss. Niemand freut sich über komplexe Sprache, komplexe Sprache ist selten ansprechend und reizt ganz sicher nicht dazu, etwas freiwillig zu lesen. Das Verständnis dafür ist in den letzten Jahren gewachsen, immerhin gibt es mehrere DIN-Ausschüsse, die sich damit beschäftigen. Wenn in einigen Jahren eine DIN-Norm für einfache Sprache vorliegt, könnte das dem Thema den entscheidenden Schub verleihen, der bisher fehlt.
Der gegenläufige Trend ist das, was man plakativ Diversity Speak nennen kann: Immer komplexere Formen dafür, Personen oder Personengruppen zu bezeichnen. Ein Beispiel: Früher galt „Behinderte“ als Bezeichnung als angemessen, „Krüppel“ und ähnlich galt und gilt als abwertend oder beleidigend. Irgendwann kam die Bezeichnung „behinderte Menschen“ auf, das soll Personen nicht auf ihre Behinderung reduzieren. Heute sagt man „Menschen mit Behinderung“. Das soll aus Gründen besser als „behinderte Menschen“ sein, die Erklärung habe ich leider nicht verstanden.
Nach dieser Logik sollte ich eigentlich „Mensch mit Sehbehinderung“, „Mensch mit Hörbehinderung“ und so weiter sagen. Neulich habe ich mir aber von einer Autistin erklären lassen, dass sie als „Autistin“ und nicht „Mensch mit Autismus“ bezeichnet werden möchte. Die Erklärung habe ich wiederum nicht verstanden. Ein Gehörloser meldete mir zurück, man sage „taub“ statt „gehörlos“, die Erklärung… Sie wissen schon.
Nun bin ich nicht in den verschiedenen Communities unterwegs und kenne die internen Diskurse nicht. Ich bin mir aber recht sicher, dass das den meisten Betroffenen so wichtig ist wie das Wetter vorletztes Jahr, außerhalb der Selbsthilfe-Bubble interessiert das nach meiner Erfahrung keinen Menschen. Der Diskurs wird von einer überwiegend akademischen, in Publikationen und Social Media sehr lauten Minderheit aus der Minderheit geführt.
Wer sich dafür interessiert: Diese Sprach-Theorien basieren vor allem auf den französischen Strukturalisten wie Derrida und Foucault, die ihrerseits kaum lesbar sind. Es kommen Mode-Trends wie der Framing-Ansatz dazu. Ja, Sprache spielt eine Rolle für die Wahrnehmung, aber meines Erachtens wird die Relevanz von Zeichen und Begriffen stark überschätzt, wenn man die eindeutig beleidigenden Termini aus der Sprache entfernt hat.
Das Problem ist, dass diese Begriffs-Verwirrung babelschen Ausmaßes den Diskurs unheimlich erschwert. Es macht das Schreiben und Sprechen sehr kompliziert, weil man immer darüber nachdenken muss, wer sich von den Zuhörenden oder Mitlesenden beleidigt fühlen könnte. Oft genug sind es ja gar keine selbst Betroffenen, die sich da zu Wort melden, sondern andere Personen, die meinen, sie hätten die komplizierten Codes exakt verstanden und müssten jetzt einen Behinderten belehren. Die Shitstorm-Kultur im Web führt dazu, dass Lapalien ebenso aufgeblasen werden wie echte Beleidigungen – das Internet kennt da keinen Unterschied. Und die meisten Nicht-Betroffenen machen nur mit, um ihrer Blase zu zeigen, wie weltoffen sie sind.
Und noch wichtiger: Es stört das Verstehen extrem. „Behinderte“ ist ein Wort, „Mensch mit Behinderung“ sind drei Worte. Ein Leseprofi geht darüber schnell hinweg, ein Wenigleser findet das schwieriger. Nun wäre das Problem überschaubar, wenn solche Formulierungen selten wären, aber solche und ähnliche Formulierungen kommen in Texten mehrfach vor und können den Text durchaus um mehrere Prozente verlängern. Wenn dazu noch gegendert und migriert wird, kann das den Text schnell unlesbar machen. Last not least ist das ja nicht der einzige Grund, warum Texte kompliziert und schlecht zu lesen sind. Hinzu kommen Fach-Jargon, Bandwurmsätze, Komposita und eine nicht-leserfreundliche Gestaltung.
Der Trend ist nicht zu Ende, mein Eindruck ist vielmehr, dass die Zunahme komplexer Diversity-Formeln kein Ende mehr kennt. „Funktionale Analphabeten“ sollen jetzt „gering literalisiert“ genannt werden. Damit ist meines Erachtens gar nichts erreicht außer Stirnrunzeln bei den Leuten, denen letzterer Begriff noch nicht untergekommen ist. Heute schreiben viele neben kryptischen Abkürzungen in ihr Profil, wie sie angesprochen werden wollen „He/him“, „She/her“, schön, wenn man sein Geschlecht so rausstellt, bis dahin war mir das relativ egal. Jetzt vermehrt es nur die Menge an Zeichen, die der Screenreader vorliest.
Sie sagen, das sei selbstverständlich, ich sage, dass es kein Naturgesetz gibt. Ich zumindest bin nicht gefragt worden, ob ich „Ausländer“ besser finde als „Mensch mit Migrationshintergrund“. Es erinnert mich an Mode-Trends, die ich ebensowenig verstehe. Letztes Jahr waren es grüne Streifen, dieses Jahr blaue Punkte – who cares? Und welche Autorität legt das eigentlich fest?
Lassen Sie mich das plakativ sagen: Wenn diversitäts-sensible Sprache heißt, dass die Sprache immer komplexer wird, dann schließt sie Wenigleser und Fremdsprachige aus. Das ist sicher nicht inklusiv oder diversitäts-freundlich. Es erstaunt und ärgert mich, dass dieser Widerspruch von den Verantwortlichen nicht angesprochen oder sogar geleugnet wird.
Ich habe keine Lösung für dieses Problem. Ganz sicher wollen wir nicht in die Zeit zurück, in der man Dunkelhäutige oder andere Personen mit abwertenden Bezeichnungen bedacht hat. Wir bauen uns aber selbst eine Falle, indem wir die Codes immer komplizierter machen. Das widerspricht dem Prinzip verständlicher Kommunikation.
Oder: Wir gestehen uns ein, dass uns diese Codes wichtiger sind als verständliche Sprache. Dann schließen wir Leute aus, die ohnehin benachteiligt sind, aber vielleicht ist das unvermeidbar. Meines Erachtens verlieren wie damit die Leute zum Einen für das eigentliche Anliegen, Diskriminierung in Sprache und Bild zu reduzieren. Aber wir verlieren sie auch für alle anderen Themen, die uns und ihnen wichtig sein könnten. Verstehen von Inhalten und Verständnis für einander – hängt das nicht irgendwie zusammen?

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