Back to the office – ein Rückschritt in Sachen Barrierefreiheit

Stilisierter MonitorIch bin ja immer skeptisch, wenn Megatrends ausgerufen werden. Als die großen Lockdowns vor rund zwei Jahren losgingen und Corona unser Leben längere Zeit einschränkte, sind viele davon ausgegangen, dass dies die digitale Revolution auslösen würde, auf die viele von uns solange gewartet haben. Es würde weniger Reisezirkus geben, wir würden mehr Online-Meetings machen und die Regelungen zum Home Office würden großzügiger werden.
Das mag bei vielen Organisationen der Fall sein, es scheint mir jedoch eher die Ausnahme zu sein. Im Gegenteil, viele Organisationen kehren zur alten Präsenz-Realität zurück. Seit Februar trudeln bei mir die Anfragen nach Präsenz-Terminen in Berlin und Co. wieder ein. Da geht es um Vorträge, die ein bis zwei Stunden dauern. Es kann natürlich sein, dass viele einfach nur ein Vergleichs-Angebot brauchen und mich ohnehin nicht buchen würden. Allerdings meinen es viele ernst: Ich soll über zehn Stunden Zugfahrt + Übernachtung aufwenden, um einen meiner Standard-Vorträge zu halten und ein paar Tassen Kaffee + belegter Brötchen zu verdrücken.
Früher habe ich solche Termine tatsächlich wahrgenommen, man konnte das gut mit offenen Schulungen oder privaten Treffen kombinieren. Im Augenblick ist mir das aber zu anstrengend. Mein Vorschlag, das Remote zu machen wird fast immer abgelehnt. Meine physische Anwesenheit scheint den Leuten viel wert zu sein.
Auch von Freunden und Bekannten höre ich, dass Remote-Optionen schrittweise abgeschafft werden. Es finden wieder Meetings statt, für welche die Leute stundenlang – gerne mit dem Flugzeug oder PKW – anreisen. Viele Konferenzen finden wieder präsent ohne Remote-Option statt. In Zeiten wie diesen kann man das ruhig ökologischen und ökonomischen Unsinn nennen.
Für viele behinderte Menschen dürfte das ein Rückschritt in Sachen Barrierefreiheit sein. Das gilt vor allem für Menschen, die auf den ÖPNV angewiesen sind. Für Nicht-Behinderte ist das Stress, für behinderte Menschen oft eine Tortur.
Ich persönlich habe übrigens nichts gegen die Arbeit im Büro, ich habe das lange gemacht und solange es keine Pendelei bedeutet, werde ich das immer vorziehen. Ich habe aber den Vorteil, dass ich zentral in einer Großstadt wohne und fast alles zu Fuß oder schnell mit dem ÖPNV erreichen kann.
Auch wenn es hier oft anders klingt, ziehe ich persönliche Begegnungen der Online-Kommunikation vor. Allerdings sollte alles verhältnismäßig sein. Das war es teilweise vor Corona nicht und es schaut so aus, als ob es wieder so wird.
Home Office hat zahlreiche Vorteile, die für behinderte Menschen besonders stark gelten. Man ist etwa häufiger örtlich gebunden, zum Beispiel wegen einer barrierefreien Wohnung oder wegen sozialer Bindungen. Der ÖPNV ist weit davon entfernt, barrierefrei zu sein, das gilt leider auch für viele Organisations-Gebäude, Veranstaltungs- oder Übernachtungs-Orte.
Daneben muss man feststellen, dass Corona durchaus nicht weg ist. Für Personen mit Lungen- oder anderen chronischen Erkrankungen kann es nach wie vor ein Todes-Urteil bedeuten. Wenn Remote-Optionen jetzt nach und nach wegfallen, werden diese Personen benachteiligt.
Mein Fazit ist, dass Arbeitgebende und Veranstaltende das Thema Remote wieder ernster nehmen sollten. Remote löst sicher nicht alles, aber es kann das Leben vieler behinderter Menschen – und im übrigen auch vieler anderer Personen – deutlich erleichtern. Man redet so viel über New Work. Das sollte sich aber nicht in schicken – nicht barrierefreien – Kaffee-Maschinen oder spacigen Büro-Designs erschöpfen.