Informationsarchitektur von Texten

Nicht nur Webseiten, auch Texte können unter dem Aspekt der Informationsarchitektur betrachtet werden. Wer einfach drauf los schreibt und das Geschriebene unredigiert veröffentlichen kann, ist entweder ein Naturtalent oder wird nichts außer verwirrten Blicken ernten.

Informationshierarchie

Ein Text im Internet sollte nach der klassischen journalistischen Pyramide aufgebaut sein: das wichtigste steht oben, in der Tiefe wird es spezieller. In keinem Fall müssen wir einen Text zu Ende lesen, um die Pointe zu erfahren, es sei denn, es handelt sich um einen Unterhaltungstext.
Wissenschaftliche Texte und viele Blog-Beiträge sind im Prinzip ähnlich aufgebaut. Am Anfang steht die These oder die Kernaussage, der ganze Rest ist die Herleitung.
In bestimmten Bereichen hat sich die Management Summary etabliert, eine Zusammenfassung, die aber am Beginn und nicht am Ende des Textes steht, obwohl sie als letztes geschrieben wird. Ich vermute, sie dient als Zusammenfassung, wobei der Leser nur die Teile des restlichen Textes lesen muss, die ihm interessant erscheinen.
Die meisten Informationstexte sind nach dem Tannenbaum-Prinzip aufgebaut. Es wird ein Argumentationsstrang nach dem nächsten ausgerollt, wobei die einzelnen Stränge mal mehr, mal weniger zusammenhängen.

Farben und Zeichen

Bei einigen Büchern wird ein Informationscode verwendet, um unterschiedliche Informationskategorien deutlich zu machen. Informationskästen, die aus dem Fließtext herausfallen, werden eingerahmt oder farbig unterlegt, um sie vom Fließtext abzuheben. Manchmal findet man auch Zeichen am Rande, die dem Leser singalisieren, dass es sich hier um eine Randbemerkung, eine Aufgabe in einem Lehrbuch oder um einen kleinen Exkurs handelt. Der Vorteil besteht darin, dass der Leser diese Blöcke gezielt aufsuchen oder überspringen kann.

Erklärungen am Rande

Bei den Springer-Lehrbüchern wird bei vielen Absätzen am Außenrand der Seite die Kernaussage des Absatzes zusammengefasst.
Ich halte das für eine recht gute Lösung. Manchmal sucht man gezielt nach einer bestimmten Information, die man in diesem Text vermutet. Diese Kurzzusammenfassungen zu scannen ist immer noch einfacher, als den Text selbst durchzugehen. Die meisten Autoren unterliegen dem Irrtum, sie würden gelesen, weil ihr Text so nett geschrieben ist. Tatsächlich werden die meisten Texte im Internet nur überflogen, was man häufig an den unzulänglichen Kommentaren merkt. Anders ist die Informationsflut kaum zu bewältigen. Blinde dürften übrigens zu den wenigen gehören, die einen Text tatsächlich von vorne bis hinten durchlesen, zumindest wenn sie dafür nicht blättern müssen. Da der Screenreader ohnehin alles vorliest – zudem in einem hohen Tempo – würde das Scannen nicht viel Zeit sparen.
In der Wissenschaft ist es auch nicht anders: nur die Erstsemester kommen auf die Idee, ein Lehrbuch durchzulesen. Der Gedanke ist absonderlich. Für eine Diplomarbeit müsste man mehrere tausend Seiten in wenigen Wochen lesen. Tatsächlich liest man von dem 400-Seiten-Buch ungefähr zehn Seiten oder weniger.
Wenn man den Grundgedanken vom Jagen und Sammeln aufs Web anwendet, so suchen wir vor allem nach Ideen oder Aspekten, die uns bisher noch nicht untergekommen sind. 99 Prozent aller Texte sind Zusammenstellungen von altbekanntem, so dass wir nach dem einen kreativen Gedanken, dem neuen Aspekt, neuem Blickwinkle oder der neuen Idee suchen, die uns bisher noch nicht aufgefallen ist. Oft genug werden wir enttäuscht.
Deswegen ist eine vernünftige Informationsarchitektur wichtig. Wie ordnen wir Informationen so, dass der Nutzer möglichst schnell möglichst mühelos das findet, was er gesucht hat?
Die Informationsarchitektur geht daher über die Typographie, Textstrukturierung und ästhetische Aspekte hinaus.

Die Zukunft des Textes

Ich bin mir ziemlich sicher, das sich auch im journalistischen Bereich die Infografik etablieren wird. Ein Zusammenhang ist sehr viel schneller in einem Diagramm zu erfassen als in zwei, drei Textabsätzen. Mit CSS3 und HTML5 lassen sich da sehr spannende Dinge nur mit Webstandards bauen, vor allem Canvas verspricht spannende Anwendungen.
Interessant wäre auch die Frage, ob die Linearität von Texten irgendwann einmal aufgehoben wird. Im Grunde verwenden wir das Internet immer noch wie ein Buch. Wir lesen einen Text von vorne bis hinten durch. Wenn wir zu einem bestimmten Abschnitt tiefere oder allgemeinere Informationen haben wollen, müssen wir eine neue Seite öffenen. Wie wäre es denn, wenn wir zu jeder Information einfach einen Block aufklappen könnten, der uns passende weitere Informationen aus der Wikipedia liefert? Und warum muss man eigentlich einen ganzen Artikel kommentieren, wenn man einen bestimmten Abschnitt kommentieren möchte? Warum kann man sich nicht die Kommentare zu einem bestimmten Abschnitt anzeigen lassen?
Es ist einiges vorstellbar, wobei die heutigen Autoren nicht sehr experimentierfreudig zu sein scheinen. Meistens wird argumentiert, die Leute seien noch nicht soweit, mit nichtlinearem Hypertext umzugehen. Ich denke aber, es ist mehr eine Frage der Umsetzung und der Gewöhnung.
Vorstellbar ist zum Beispiel, dass man einen Text gleichzeitig für Laien und Experten schreibt. Normalerweise muss man sich entscheiden, ob man den Laien überfordern oder den Experten unterfordern möchte. Dabei wäre die Lösung ganz einfach: der Laie kriegt bestimmte erläuternde Absätze zu sehen, die der Experte nur bei Bedarf einblendet.
Texte werden in Zukunft vielleicht mehr modular aufgebaut sein. Als Autor muss man sich sehr genau überlegen, ob man im Text einen kleinen Exkurs oder ein Beispiel einbaut oder ob man den Leser damit nur langweilt. Der künftige Leser wird sich einfach entscheiden können, ob er die Information an dieser Stelle lesen möchte oder nicht.

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