Wie Behinderte Bücher lesen

Die Zahl der Vielleser dürfte unter Blinden deutlich größer sein als im Rest der Bevölkerung. Ähnliches vermute ich auch bei anderen Behinderten, wobei es dazu allerdings keine Zahlen zu geben scheint.

Auch wenn Menschen mit Behinderung an der Gesellschaft teilhaben können, ist ihre Wahrnehmungsfähigkeit oft eingeschränkt. Blinde können die visuelle Schönheit der Natur nur eingeschränkt genießen, Gehörlose nehmen das Rauschen des Baches oder das Vogelzwitschern kaum wahr, Rollstuhlfahrer machen viele Erfahrungen nicht, die Gehende machen würden. Das Lesen ist vor allem anderen das, was der unmittelbaren Erfahrung am nächsten kommt. Schriftsteller haben gelernt, Informationen und Emotionen so zu vermitteln, dass sie den Lesern nahe gehen, ohne deren Phantasie einzuschränken wie es Radio und Fernsehen tun. Nur die mündliche Erzählung oder die Kunst kommen dem Lesen nahe, was die Vermittlung von Emotionen und Erfahrungen angeht. Deshalb eröffnen Bücher Menschen mit und ohne Behinderung gleichermaßen Wahrnehmungswelten, die sie ansonsten nicht kennengelernt hätten. Außerdem können sich behinderte und nicht-behinderte Menschen am leichtesten über Bücher austauschen, weil sie beim Lesen eher als bei Film und Theater eine gemeinsame Wahrnehmungswelt teilen.

Blinde lesen Bücher in Brailleschrift oder hören sich Hörbücher an. Sowohl Braille-Bücher als auch Hörbücher lassen sich in speziellen Bibliotheken ausleihen, Diese Medien werden kostenlos per Post verschickt. Außerdem gibt es natürlich die Hörbücher aus dem Handel, immer häufiger werden sie auch von großen Anbietern im Internet gekauft oder gestreamt. Die Hörbücher der Hörbüchereien basieren auf dem DAISY-Format DAISY-Hörbücher verfügen über eine Struktur, die sie ähnlich wie gedruckte Bücher verwendbar macht. Blinde lesen digitale Bücher mit ihrem Computer, dem Smartphone oder Tablet. Sie können sich die Texte vorlesen lassen oder eine Braillezeile verwenden, welche den Text als Blindenschrift ausgibt.

Bei Sehbehinderten hängt es von ihrer Sehkraft ab, wie sie lesen. Es gibt eine geringe Zahl von Büchern im Großdruck. Viele Sehbehinderte haben Lupen oder Bildschirm-Lesegeräte. Bei diesen Geräten werden die Texte unter eine Kamera gelegt und auf einem Bildschirm vergrößert oder mit anderem Farbkontrast dargestellt. Vor allem bei dicken Büchern ist das oft schwierig, da die Bücher nicht flach aufliegen und der Bundsteg einen Schatten wirft. Außerdem ist es wegen der Hintergrundbeleuchtung des Bildschirms extrem anstrengend. Auch viele Sehbehinderte nutzen Hörbücher oder eBook-Reader.

Schwerhörige und gehörlose Menschen können konventionelle Bücher lesen, wenn sie die Lautsprache gelernt haben. Wer gehörlos auf die Welt gekommen ist, kann aber Probleme dabei haben, die gesprochene und geschriebene Sprache zu verstehen. Die Bücher für diese Gruppe barrierefrei zu machen ist leider relativ schwierig. Im Grunde müssten die Texte in Gebärdensprache übersetzt werden. Ähnlich wie Menschen mit Lernbehinderung profitieren Gehörlose häufig von Texten in Leichter Sprache.

Motorisch eingeschränkte Menschen können Probleme dabei haben, Bücher zu halten oder in ihnen zu blättern. Sie können praktisch nur digital lesen, wobei sie über Sprach- oder Augensteuerung im Buch blättern können.

Menschen mit Lernbehinderung oder geistiger Behinderung haben ähnliche Schwierigkeiten wie Gehörlose, wenn sie die Alltagssprache nicht ausreichend gut verstehen. Für diese Gruppe werden Texte in Leichte Sprache übersetzt. Die Leichte Sprache ist eine Form der Alltagssprache. Auch wenn das Thema wichtig ist, möchte ich an dieser Stelle nicht darauf eingehen, weil die Texte nicht von den Autoren selbst übersetzt werden. Wie bei der Gebärdensprache gibt es spezielle Dienstleister, die Texte in Leichte Sprache übersetzen. Mehr über die Leichte Sprache erfahren Sie auf meiner Website.

Menschen mit Lese-Rechtschreibschwäche oder Lernstörungen lesen in der Regel konventionelle Bücher, passen sie aber ihren Bedürfnissen an. Bei einigen Lernstörungen ist es von Vorteil, bestimmte Schriftarten zu verwenden oder den Text parallel zu lesen und sich vorlesen zu lassen.

Funktionale Analphabeten können auf spezielle Geräte oder Programme zurückgreifen, welche die Texte mit einer elektronischen Stimme vorlesen.

Menschen mit Autismus oder dem Asperger-Syndrom versuchen, Störungen durch Ablenkungen zu minimieren. Bei Büchern ist das normalerweise nicht so relevant wie bei Webseiten, kann aber wichtig sein, wenn zum Beispiel viele Grafiken oder gar Animationen verwendet werden.

Die genannten Behinderungen oder Störungen können auch in Kombination auftreten, man spricht dann von Mehrfachbehinderungen. Diese Behinderungen lassen sich nur teilweise durch Hilfen ausgleichen: So können Taubblinde nur Texte in Blindenschrift lesen. Abgesehen von den oben genannten Hilfen gibt es nur wenige Möglichkeiten, diese Menschen zu unterstützen. Versuchen Sie, Ihre Bücher so barrierefrei wie möglich anzubieten, damit sie von so vielen Menschen wie möglich gelesen werden können.

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Wenn Du es nicht machst, macht es keiner