Katastrophenschutz für Behinderte

Behinderte sind von schweren Unwettern und ähnlichen Katastrophen besonders stark betroffen

  1. Es kann ihnen im konkreten Fall besonders schwer fallen, sich in Sicherheit zu bringen.
  2. Es ist bei ihnen wahrscheilnicher, dass sie durch Vorwarnungen nicht erreicht werden, zum Beispiel weil sie keinen ausreichenden Informationszugang haben oder ihr soziales Umfeld nicht funktioniert. Wer in ein soziales Netz eingewoben ist, bekommt die Info über ein bestehendes Unwetter wahrscheinlich direkt oder indirekt. durch Dritte.
  3. Das dritte Problem kann darin bestehen, dass sie im Falle eines Falles nicht in der Lage sind, sich selbst oder Anderen zu helfen. Viele Nicht-Behinderte haben zum Beispiel wegen des Führerscheins einen Erste-Hilfe-Kurs gemacht und können daher auch schnelle Hilfe leisten. Behinderte, die im Katastrophenschutz aktiv sind scheinen bisher recht selten zu sein.

Besondere Gefährdung

Nehmen wir an, der Strom fällt aus und durch Blitzeinschlag wird ein Feuer ausgelöst, ein Rollstuhlfahrer ist nicht in der Lage, sich selbst in Sicherheit zu bringen, wenn er dazu eine Treppe überwinden muss.
Für einen Blinden ist es schwierig, sich in Sicherheit zu bringen, er sieht natürlich nicht, dass irgendwo ein ast abreißt oder ein Baum umzukippen droht. Umgebungsgeräusche werden durch Starkregen oder Wind gedämpft, er kann also völlig die Orintierung verlieren.
Gehörlosen und Schwerhörigen entgehen akkustische warnsignale wie Sirenen, aber auch das Knarren eines einsturzgefährdeten Gebäudes.
Rollstuhfahrer können herabfallenden oder umstürzenden Gegenständen schlechter ausweichen. Im schlimmsten Fall kann der Rollstuhl derart beschädigt werden, dass er nicht mehr verwendet werden kann.

Was tun

Im Folgenden möchte ich eine Reihe von Maßnahmen vorschlagen, um den Katastrophenschutz für Behinderte zu verbessern.
Kernelement ist die Prävention, dass heißt, dass die Menschen möglichst frühzeitig informiert werden. Nun ist es relativ einfach vor Regen oder Sturm zu warnen, aber schwierig, die Stärke eines Unwetters vorauszusagen. Das Pfingst-Unwetter bestand aus einer großen Wolke, die über NRW hinweggezogen ist. Dieses Mal hat es vor allem das Ruhrgebiet getroffen, aber es hätte ebenso das Rheinland oder den Niederrhein treffen können. In Bonn hat es ein wenig gestürmt und gehagelt, aber das war durchaus im Rahmen eines durchschnittlichen Sommer-Gewitters.
Dennoch sind Warnungen natürlich wichtig und sie lassen sich mit dem Stand der heutigen Technik durchaus auch stündlich aktuell halten. So sollte man ein bis zwei Stunden vorher in der Lage sein, die Wahrscheilnichkeit eines Unwetters am Ort XY vorauszusagen und die Einwohner entsprechend warnen können. Die Stadt Bonn hätte durchaus auf ihren Kanälen vor dem Pfingstunwetter warnen können, hat das aber zumindest auf Twitter und in ihrem Newsletter nicht getan. Da stellt sich die Frage, warum man überhaupt auf Twitter ist, wenn man nicht einmal eine Unwetter-Warnung ad hoc verschicken kann.
Die Warnkanäle müssen barrierefrei werden. So sind Sirenen oder LautsprecherDurchsagen für Gehörlose gar nicht wahrnehmbar und können für Schwerhörige unverständlich sein.
Es sind natürlich noch eine ganze Reihe weiterer Maßnahmen nötig. Feuerwehr und Katastrophenschutz müssen lernen, auch Behinderte zu retten. und mit ihnen zu kommunizieren. Rauchmelder sollten per Default auf mehreren Kanälen warnen statt nur zu piepen und die Anleitungen auf den Feuerlöschern sollten weniger romanhaft sein, wie wäre es mit Leichter Sprache oder Braille auf Feuerlöschern?
Außerdem sollten auch Behinderte selbst im Katastrophenschutz trainiert werden. Die wenigsten Blinden haben einen Erste-Hilfe-Kurs gemacht und sind dadurch weniger in der Lage, anderen Menschen zu helfen. Gehörlose oder Lernbehinderte könnten mehr oder weniger problemlos im THW, beim Roten Kreuz oder DLRG mitarbeiten und dadurch nicht zuletzt auch sich selbst helfen. Wenn diese Organisationen ein wenig inklusiver werden würden, hätten sie auch weniger Nachwuchs-Probleme.
Als weitere Komponente muss auch die soziale Einbindung von Menschen verbessert werden, die besonders gefährdet sind. So sollten die Nachbarn auch willens sein, die behinderte Person in schwierigen Fällen zu informieren, oder die Feuerwehr darauf hinweisen, dass es eine Person gibt, die besonders gefährdet ist. Das gilt nicht nur für Behinderte, sondern auch für ältere Menschen, die warum auch immer offensichtlich nicht in der Lage sind, sich selbst zu informieren oder zu helfen.

Ohne aktive Teilnahme geht es nicht

Anscheinend müssen heute alle Schwerbehinderten von nicht-behinderten Kollegen evakuiert werden, wenn es zum Beispiel zu Bränden kommt. Das ist nicht gerade inklusiv, aber ehrlich gesagt auch wenig sinnvoll. Niemand kann sich bei starker Rauchentwicklung besser aus einem Gebäude retten als ein Blinder, er wird nicht durch die eingeschränkte Sicht gehindert. Allerdings scheinen sich auch viele Behinderte eher als zu Rettende denn als Retter anzusehen.
Die meisten Maßnahmen bringen wenig ohne die aktive Teilhabe der Behinderten. Wer in einem überschwemmungsgefährdeten Gebiet wohnt, muss sich diesbezüglich auf dem Laufenden halten, wenn es zum Beispiel einige Tage kräftig regnet. Einigen heißen Sommertagen folgt das Gewitter wie das Ahmen in der Kirche.
Es gibt zahllose Behinderungen, aber die wenigsten dieser Menschen sind dank aktueller Informationstechnik komplett von aktuellen Informationen abgeschnitten. Andere Maßnahmen Dritter können erst dort greifen, wo diese Technik an ihre Grenzen stößt, wenn zum Beispiel Strom und Mobilfunk gleichzeitig ausfallen und auch die sozialen Kanäle nicht mehr funktionieren. Solche Situationen sind natürlich hierzulande extrem selten, aber auch darauf sollte man gefasst sein.
Last not least ist es notwendig, dass sich die Personen darin üben, sich selbst in Sicherheit zu bringen, soweit das mit ihrer Behinderung möglich ist. Die wenigsten Menschen – ob behindert oder nicht – wissen, wie man sich bei einem Gewitter am besten verhält, wenn man draußen unterwegs ist.
Es ist ebenso sinnvoll, , sich mit Fremdhilfe zu beschäftigen. Auch ein Mensch mit Glasknochenkrankheit kann sich mit erster Hilfe beschäftigen, um eine dritte Person anleiten zu können. Ein Blinder sollte wissen, wie er sich bei starker Rauchentwicklung verhalten soll und Gehörlose können hervorragende Rettungskräfte sein, weil sie sich von Lärm nicht ablenken lassen und problemlos mit anderen Menschen auch auf größere Entfernungen kommunizieren können, sofern die die Gebärdensprache ausreichend beherrschen. Ich sehe die Schlagzeile schon vor mir: Gehörloser rettet Kollegen aus flammendem Inferno. Jeder ist dazu verpflichtet, das zu tun, was im Rahmen seiner Möglichkeiten ist.

Zum Weiterlesen

Katastrophenschutz für Hörbehinderte beim Bundeskompetenzzentrum Barrierefreiheit als PDF

Wenn Du es nicht machst, macht es keiner