Usability-Test vorbereiten

In der Mensch-Maschine-Interaktion beschäftigt man sich schon lange mit der Software-Ergonomie, der alte uncoole Name für Usability. Jakob Nielsen und Stephen Krug haben die Klassiker dazu geschrieben. Eine Abwandlung des Themas ist die Benutzererfahrung oder User Experience oder Joy of Use. Wahrscheinlich muss man ab und an einen neuen Begriff erfinden, damit das Thema an Sexappeal behält.
In der Heatmap werden häufig genutzte Bereiche der Website eingefärbt.
Ich hatte vor ein paar Monaten die Vorbereitung für einen Usability-Test gemacht und möchte hier meine Erfahrungen zum besten geben.Die Formulierung konkreter Testfragen ist tatsächlich eine Aufgabe für einen Usability-Experten, ich werde mich hier nur mit der Vorbereitung von Seiten des Auftraggebers beschäftigen.
Vorneweg noch eine Anmerkung: ich weiß, dass meine Praxisberichte sehr lang sind und damit gegen eine goldene Regel des Schreiben fürs Web verstoßen. Ich nehme das in Kauf: zum einen schreibe ich Texte, wie ich sie gerne lesen würde. Zum anderen habe ich selbst nach solchen Anleitgungen gesucht und sie in den meisten Fällen nicht gefunden. Ich hoffe deshalb, dass diese ausführlichen Berichte auch anderen Suchenden zugute kommen.

Die erste Lektüre

Wie immer bei einer neuen Aufgabe habe ich mich in das Thema eingelesen. Allerdings habe ich die Klassiker von Nielsen und Krug bis heute nicht gelesen. Ich hatte vor einiger Zeit Thomas Wirths „Missing Links“ gelesen und das hat mir schon gereicht. Lernt man irgendwas aus schlechten oder guten Beispielen? Ich bezweifle es, zumindest, solange man nicht selber Webseiten gebaut hat. Nielsens Website stellt die Essenz seines Werkes komprimiert zur Verfügung, Wer seinen Blick schärfen möchte, kann die in jeder eigenen Surfsession auftretenden Usability-Probleme verschiedener Webseiten in einem Tagebuch dokumentieren.

Segmentierung

Mein erster Schritt bestand darin, die Website in fünf Bereiche aufzuteilen:

  • die Navigation
  • der Informationsbereich, bestehend aus redaktionellen Texten, die sich selten oder nie ändern, aber den Kern des Angebots darstellen
  • eine Recherche-Datenbank, die das zweite Standbein des Angebots darstellt
  • die interne Suchmaschine
  • die Mitmachbereiche bestehend aus einer kleinen Blogging-Plattform und einem Forum
  • dem News-Bereiche

Diese Segmentierung war nötig, um bestimmen zu können, welche Bereiche der Website besonders stark genutzt werden und daher besondern Optimierungsbedarf hatten. Außerdem war klar, dass die Grundstruktur, die Informationsarchitektur und die Standbeine des Webauftritts intensiver getestet werden sollten. Der Rest war entweder sehr einfach strukturiert oder es war ohnehin fraglich, ob er fortgeführt würde.

Definition der Kernfragen

Es war von vorneherein klar, dass die Testagentur den Testleitfaden entwerfen würde, während ich nur die Leitfragen festlege. Für die zu testenden Kernbereiche Navigation, Suche, Texte und Datenbank legte ich also die Leitfragen fest. Dazu sah ich mir die Bereiche genau an und überlegte, welche typischen Anforderungen ein wenig technikaffiner Benutzer anlegen würde.Die bekannten und schwerwiegenden Fehlerquellen sind eine unverständliche Navigation, eine irreführende Informationsarchitektur und mangelnde Konsistenz im Aufbau des Webauftritts, siehe dazu auch einen älteren Beitrag von mir.
Viele große Aufgaben im Interaktionsdesign sind mit Patterns gelöst. Das bedeutet, dass eine Funktion auf der Site X sich sehr wahrscheinlich so verhalten wird wie die gleiche Funktion auf der Site Y. Wenn das nicht so ist, wird daraus ein Usability-Problem, weil sich eine Aktion nicht erwartungskonform verhält.

Auswahl der personen

Normalerweise werden 8 – 10 Testpersonen herangezogen. Wir beschlossen, einen Durchschnitt aus der Gesellschaft zu nehmen. Zum einen sollte der typische Sozialarbeiter zum Zuge kommen, der mit der Recherche im Internet vertraut sein sollte, aber auch ein eher unbedarfter Nutzer, der sich zu einem bestimmten Thema informieren möchte. Generell wurde die Technikaffinität unserer Nutzer eher gering eingeschätzt.
Ich muss dazu sagen, dass wir relativ wenig über die Personen wissen, die auf unserern Seiten unterwegs sind. Vieles spricht dafür, dass sie im mittleren Alter – also 40 und älter – sind, das sie wenig technikaffin sind und das Internet vor allem zu Informationszwecken benutzen. Das basiert auf unserer Meinung darüber, wer typischerweise Angebote wie das unsere nutzt. Vieles kann man auch aus den Daten der WebAnalytics ableiten, es bleibt aber immer sehr spekulativ.

Der Testleitfaden

Die Agentur hat auf der Basis unserer Anforderungen einen Testleitfaden entwickelt. Den Testleitfaden haben wir dann nur noch abgenickt. Ich hatte eigentlich gedacht, die Agentur würde versuchen, das gesamte Verfahren als ein Szenario umzusetzen. Das ginge dann etwa so: „Stellen Sie sich vor, sie würden für einen Freund oder eine Freundin nach dem Thema XY recherchieren und stießen auf dieses Angebot…“. In diesem Falle hätte man nach und nach die einzelnen Bereiche mit in diesem Szenarion eingebetteten Aufgaben bearbeiten können. Die Agentur hat allerdings mit Einzelaufgaben gearbeitet. Das ganze Paket mit Eye-Tracking, Kameraaufzeichnung und so weiter war natürlich auch dabei.
Bei diesen Tests wird üblicherweise mit der Methode des lauten Denkens gearbeitet. Die Testperson erzählt, was in ihr vorgeht oder was sie denkt, während sie eine Aufgabe löst.
Wenn es um die Formulierung von Aufgaben geht, kommt es auf die Erfahrung der Agentur an. Naturgemäß stellen wir sehr direkte und geschlossene Fragen: Kommen sie mit der Navigation zurecht? Oder haben sie Probleme mit den Suchergebnissen? Dabei bekommt man keine brauchbaren Antworten. Die Agentur muss Aufgabenstellungen formulieren und aus den Ergebnissen, den Beobachtungen mit den technischen Mitteln und den ausgesprochenen Äußerungen der Testperson eine Antwort gewinnen.

Weiterführendes

Wenn Du es nicht machst, macht es keiner