Warum die Zukunft der Barrierefreiheit OpenSource sein sollte

Schriftzug offenEin interessanter Umstand wird selten erwähnt: In OpenSource-Systemen wie Linux, aber auch vielen CMS stecken Millionen Arbeitsstunden durch Entwickler:Innen und andere Freiwillige. Das Web basiert im Wesentlichen auf OpenSource-Technologien. Hat sich schon mal jemand gefragt, warum es kein brauchbares kommerzielles Redaktionssystem gibt? Wozu auch, denn Typo3, WordPress, Joomla, Drupal und zahllose kleinere Systeme können Vieles besser. Vor allem eines haben sie voraus: Barrierefreiheit. Was ich an kommerziellen Systemen wie Magnolia, Sitecore oder dem Government Sitebuilder nicht gesehen habe. Aber auch in anderen Aspekten wie Nutzerfreundlichkeit oder Alltagstauglichkeit können kommerzielle Systeme nicht überzeugen. Warum man sich gerade in Deutschland für solche Systeme entscheidet, bleibt ein Rätsel, aber in Deutschland findet man ja auch das hyperkomplexe Typo3 gut, vielleicht will man es einfach schrottig haben. Man hat ja hierzulande auch eine Vorliebe für Gesetze, die nicht mal jene verstehen, die sie gemacht haben.
Ein anderes Beispiel sind Videokonferenz-Systeme. Zugegebenermaßen habe ich bis vor kurzem eher auf Zoom genutzt. Ein vernünftig aufgesetztes BigBlueButton kann aber ebenso gut funktionieren, vorausgesetzt, man hat eine stabile Audio-Qualität. Die letzten Versionen von BBB waren zumindest für Blinde gut bedienbar. Wenn man noch die Integration bzw. Erkennung von Gebärdensprache verbessert, gibt es keinen Grund mehr, auf WebEx und Co. zu setzen. Die Wheelmap und ähnliche Dienste setzen zurecht auf die Open Street Map, statt sich vom Googd Will des Platzhirschen Google Maps abhängig zu machen.
Und natürlich mein Lieblings-Beispiel: der Screenreader NVDA. Ich war ja nie ein großer Jaws-Fan, aber nach dem Vispero alles aufgekauft hat, was nicht bei 3 auf den Bäumen war, Window Eyes und die Zoom-Software MAGic ausgeknipst hat, würde ich dieser Software nicht mehr über den Weg trauen. Wenn man mit Jaws nicht mehr genügend Kohle verdienen kann, wird man hier ganz schnell den Stecker ziehen.
Die Gefahr geschlossener Systeme bezüglich der Barrierefreiheit besteht darin, dass man von dem Good Will eines teils eratischen Managements abhängig ist. Apple, Google und Microsoft haben in den letzten Jahren Milliarden Euro verdient und sind an die Gesetze der USA gebunden, wenn sie dort Software verkaufen wollen. Aber wie viel Geld werden sie in die Weiterentwicklung der Barrierefreiheit stecken, wenn die Gewinne geringer werden oder das Management wechselt? Ein eratischer Milliadär hat Twitter übernommen und das komplette Accessibility-Team gefeuert. Bei anderen Social-Media-Plattformen sprudeln die Gewinne nicht mehr so üppig wie zuvor, wann werden sie ihre Bemühungen zur Barrierefreiheit reduzieren?
Nun stimmt es, dass OpenSource nicht automatisch barrierefrei ist. Über Linux höre ich Unterschiedliches, aber es ist auf jeden Fall eine große Umstellung, auf Linux umzusteigen. LibreOffice hat die Barrierefreiheit ein wenig vernachlässigt, weil entsprechend qualifizierte Entwickler:Innen gefehlt haben. Als Blinder bin ich mit Android eher semi-zufrieden.
Dennoch glaube ich, dass die Zukunft der Barrierefreiheit in OpenSource liegt. Zu oft haben wir gesehen, dass Systeme gekauft und geschlossen oder Konkurs gegangen sind und dann nicht mehr gepflegt oder weiterentwickelt werden. Das kann vor allem bei medizinischen Produkten problematisch sein, die dann vor ihrer Zeit defekt werden. Entwickelt ein Hörgeräte-Hersteller seine Produkte nicht mehr weiter, können die Geräte irgendwann nicht mehr gewartet oder über die Apps gesteuert werden. Die Screenreader werden irgendwann unbrauchbar, weil sie an neue Systeme nicht mehr angepasst werden. Funktionsfähige Hardware wie Braillezeilen müssen entsorgt werden, weil es keine 64-it-Treiber mehr gibt und das auch niemand machen kann, weil die bestehenden Treiber 32 Bit und closed sind. Ein bekannter Hersteller elektronischer Augenprotesen hat vor einigen Monaten für alle überraschend die Produktion eingestellt.
Eines der großen Rätsel der Menschheit ist, warum die EU nicht auf OpenSource setzt, statt entweder US-amerikanischen Anbietern hinterherzurennen oder verzweifelt zu versuchen, Mini-Microsofts, Apples und Googles herbeizuklonen.
Das Schöne ist, dass wir die Barrierefreiheit bei OpenSource noch steuern können. Seien wir mal ehrlich, Apple oder Google interessieren sich einen Sch*** für unsere Kommentare, es sei denn, es kommen Tausende oder zumindest eine prominente Person. Bei OpenSource können wir uns in den entsprechenden Gruppen einbringen und wir können mit Spenden beitragen, dass es weitergeht.

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